Computerspiel vs. Film

Es gibt zwei Dinge zwischen Erde und Himmel, die nicht zusammenpassen: Kapitalismus und Reichtum für alle einerseits, eine gescheite Umsetzung eines Computerspiels auf die große Leinwand andererseits. Warum eigentlich? Ist es denn wirklich so schwer? Wird Tomb Raider ’18 vielleicht doch ein Silberstreif am Horizont?

Als Michael Fassbender sich überreden ließ (es wird kolportiert, es wäre eine Menge Geld im Spiel gewesen), bei der Leinwand-Adaption von Ubisofts Spielereihe Assassin’s Creed die Hauptrolle zu übernehmen, wussten nicht nur Insider: Das kann nicht klappen. Nicht, dass sie es nicht gehofft hätten, aber die Geschichte der Computerspiel-auf-die-Leinwand-Umsetzungen hat den Zuschauern und Spielern eines klargemacht: Der Sprung vom Interaktiven zum Unidirektionalen funktioniert einfach nicht.

Moment, was? Tja, ganz einfach: Ein Computerspiel ist ein interaktives Medium und auch wenn der Spieler bei einigen Genres eher Passagier als Pilot ist, so hat er doch stets gewisse Handlungsfreiräume. Selbst wenn Story, Waffen, Dialoge etc. pp. gößtenteils vorgegeben sind und man sich eigentlich nur von Script zu Script bewegt, so hat man doch die Kontrolle über die Geschwindigkeit, kann mal stehen bleiben, sich mal umschauen oder mal eine Quest verschieben oder gar auslassen. Selbst wenn man die berechtigte Kritik an Rail-Shootern, Schlauch-Leveln, Pseudo-Open-World usw. anführt, so bleibt ein Computerspiel doch eben ein Spiel, bietet somit ein Regelwerk und eine Umgebung, in welcher der Spieler agieren muss. Die Betonung liegt also auf dem Agieren, beim Film hingegen kann der Rezipient dies nicht. Charakter und Präsentation eines Films sind also grundverschieden und müssen genau so behandelt werden, andersfalls bleibt die Immersion (das Hineinziehen in Story & Handlungswelt) ein Wunschdenken von Regisseur, Filmstudio und Publisher. Und: Je größer der Unterschied zwischen Spielegenre und Film, desto größer die Kluft bei der Umsetzung. Ein (echtes!) Open-World-Spiel wie Far Cry in eine Film-Zwangsjacke zu stecken, kann also nicht funktionieren, selbst wenn so „mutig“ wie Uwe Boll ist. Gerade Boll (obwohl er ein Fan von Computerspielen ist, dies auch glaubhaft vermittelt) zeigt immer wieder, dass ein neuer Charakter entwickelt werden muss, dies aber sehr schwierig ist – das wussten vll. auch die Filmstudios, an welche Ubisoft mit der Assassin’s Creed-Filmidee herangetreten war, und sie haben deshalb dankend abgelehnt.
Ubisoft wäre aber nicht Ubisoft, wenn man nicht von sich selbst überzeugt wäre und einen Hang zum „Trotzdemmachen“ hat –16 (sechzehn!) Spiele-Teile binnen einer Dekade können nicht lügen. Dass es letztlich eine maue Umsetzung wurde… ja, nicht verwunderlich, erst Recht nicht, da die Spiele-Serie an sich schon mehrfach massive Probleme aufzeigte. Genau dieses Trotzdemmachen ist auch bei Warner Bros. gerade massiv in Mode, das Dark Universe als Gegenstück zum bunten Marvel-Universum ist ein Beispiel (Suicide Squad war 2016 sicherlich einer der enttäuschensten Filme überhaupt, bot er doch unfassbar viel Potenzial, ließ dieses aber schlicht und einfach liegen), welches u.a. mit Tomb Raider nun anno 2018 fortgesetzt werden wird. Gerade dieses Beispiel (obwohl noch gar nicht in den Kinos) zeigt auf, dass es ein massives Problem der Spiele- und Film-Industrie gibt – ein Problem, welches sich auf beiden Medien-Plattformen zeigt und auch noch gegenseitig negativ beeinflusst.

Fooortsetzung

Ein kuzer Abriss: 1996 erschien Tomb Raider, ein 3D-Kletter-Hüpf-Baller-Rätsel-Entdeckungsspiel. Es wurde ein Hit, weil es so vieles bot, auch und v.a. in Kombination, was es vorher (auch aufgrund technologischer Limits) nicht gab. Alsbald folgten weitere Teile und als das Szenario eigentlich schon ausgeschöpft war, kam Angelina Jolie (Vorzug: die passende Figur) und brachte die Titelheldin auf die große Leinwand. Das funktionierte auf finanzieller Seite passabel, ein zweiter Film war die logische Konsequenz. Dass dieser deutlich weniger erfolgreich war, lag sicherlich an Gerard Butler und Til Schweiger (beide sind Paradebeispiele für „Spielt dieser Schauspieler in einem Film mit, ist dieser ganz automatisch kein wirklich guter.“), aber vor allem daran, dass nach dem ersten Film den Zuschauern klar war, dass Pixel-Lara einfach besser ist und all die Aspekte, die das Spiel auszeichnen, im Film schlicht nicht umgesetzt wurden. Keine bedrohliche Atmosphäre, kein Keuchen, kein Schalter-Rästel, kein Druchschnaufen nach dem Vollenden eines Levels… klar, gibt ja im Film keine Level. Berieseln statt Agieren, Explosionen statt Timing, steter Fortgang statt Savegame-Laden – ja, viel hatte Tomb Raider mit Tomb Raider nicht zu tun, genau wie bei Assassin’s Creed, Alone in the Dark, Far Cry, Postal usw. usf. Budget und Schauspieler spielen dabei erstaunlicher Weise gar keine große Rolle, egal ob nachweislich exzellente Vertreter wie Fassbender oder Jon Voigt oder eben talentfreie Zonen wie Tara Reid, Ralf Möller und Til Schweiger. Just dieses Problem hat auch der neue Tomb Raider-Film, die Kombination aus Kult-Aktor Walton Goggings und Oskar-Preisträgerin (!) Alicia Vikander bietet eigentlich eine mehr als ausreichende Basis für einen tollen Film, doch die Probleme wird das Duo nicht lösen können.

Vikander ist eine Fehlbesetzung, aber nicht weil sie keine Angelina Jolie ist. Der Tomb-Raider-Reboot 2011 (die Spiele-Serie war eigentlich tot, ausgelutscht, aus der Mode) brachte eine neue Lara hervor: Jung, unerfahren, weniger kurvenreich – das passt eigtl. zu Vikander. Aber das Spiel verkam zu einem Action-Hau-Drauf-Titel mit einem Bodycount, auf den selbst die Call of Duty-Teile neidisch blicken. Von der widerwilligen Action-Heldin zur stöhnenden Kampfmaschine transformierte sich Lara binnen einer Spielestunde. Das ist das zweite massive Problem des Spiels, das erste war (ist auch im zweiten Teil), dass die Tombs, also Gräber, quasi keine Rolle spielen – was ist da noch vom Original übrig? Und wo bleibt bitte der britische Aspekt? Erst eine US-Amerikanerin (Jolie), nun eine Schwedin… hat die Insel keine passenden Schauspielerinnen zu bieten? Carey Mulligen, Daisy Ridley, Gemma Arterton, Kaya Scodelario (Insider-Tipp) oder Hannah John-Kamen (die beste Wahl, ganz einfach, ohne Diskussion, einfach top!) böten sich an und hätten den Stil, denn durch die originale Lara fließt schließlich viktorianisches Entdecker-Blut in Kombination mit moderner Stärke – durch Vikander fließt einfach nur junges Blut, so jung, dass die mit ihren 28 Jährchen eher wie eine 18-Jährige wirkt. Vikander ist eine tolle Schauspielerin, an Qualität mangelt es ihr wahrlich nicht (der Oskar ist wie immer egal, Ex Machina hingegen ein exzellenter Beleg für die Qualität), doch sie passt als Lara Croft so gut wie Emma Stone, Elle Fanning oder Emilia Clarke: Fragil, lieb, nett, süß, aber die Action ist aufgesetzt, die Basis fremdartig (etwas exotisch wäre hingegen passen, so wie bei Hannah John-Kamen, nur so btw) und die Ausdrucksstärke reicht nicht aus, um gegen Goggins antreten zu können.

Schlagen wir den Bogen: Franchises sind eine moderne Seuche, Fortsetzung folgt auf Fortsetzung, das Konzept läuft sich aber tot, bei Computerspielen sieht man dies auf drastische Art und Weise und auch bei Filmen (Indiana Jones 4 und Stirb Langsam 5 als traurige Beispiele) ist es offensichtlich. Reboots als Anpassung an die Moderne sind ebenfalls gefährlich, J.J. Abrams hat die Star Trek-Fans verärgert, die Star Wars Fans ebenso, lehrte hierbei eindrucksvoll, dass im Vordergrund eben nur noch ein Name steht (eine Marke, ein Kult-Begriff), der Inhalt aber mit der Verpackung kaum etwas zu tun hat… mit unfreundlichen Grüßen an den gewinnorientierten Fokus.
So unnötig der Tomb Raider-Reboot anno 2011 war, so unnötig ist der 2018er Film.  Nötig hingegen wäre aber endlich mal Half Life 3 (die Story ist noch offen, hier fehlt ein Ende), ein Film hierzu hingegen nicht, denn ein Film hat ein weiteres Problem: die Zeit. Während Bücher und Computerspiele Konsum-Stunden bequem im zweistelligen Bereich bedeuten, sind Filme stets nur eine schemenhafte Darstellung – das kennen alle Tolkin-Leser und Herr-der-Ringe-Zuschauer. Ein Half-Life oder Fallout-Film, obwohl sehr reizvoll (das ganze Setting gibt unfassbar viel her), wäre daher zum Scheitern verurteilt, eine TV-Serie hingegen nicht – das zeigt Star Trek Discovery eindrucksvoll. Neu und doch irgendwie nostalgisch, modern und doch klassisch, gleiches Universum, doch andere Handlungen und Protagonisten. Das ist möglich, weil es eben nicht personen- oder einzelphänomenzentriert ist, nicht wie bei Lara, nicht wie bei den Assassinen, nicht wie bei John McClane oder Capain Kirk.

Man kann Ikonen auch mal in Ruhe lassen und ein neues Rezept wagen, statt ein altes einfach stärker zu würzen. Die Film- und Computerspielindustrie jammert seit Jahren über Raubkopien, doch kopiert sie selbst und lässt hierbei auch noch Bits und Bytes (Sinn und Kreativität) außen vor. Und dann wäre da noch das Sterben von Entwicklerstudios: Allein die Anzahl der Studio-Leichen von Electronic Arts und die Entwicklung des Trends der Lootboxen zeigt auf, dass es bei der Zentralisierung (ob Adam Smith dies auch als „invisible hand“ des „freien Marktes“ betrachten würde) eben zahlreiche Opfer gibt… zum Schluss aber v.a. eines: der Konsument.

 

JS für Orthy.de, C2018

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