gebogene Staubsauger und leise TVs

Was haben Curved-TVs und energiesparende Staubsauger gemein? Beide liegen im Trend, doch der Endkunde interessiert sich nicht dafür. Diese beiden Paradeexempel machen deutlich, wie groß die Kluft zwischen Hersteller und Nutzer mittlerweile ist.

Es gibt Bereiche, in denen seit Jahren eine Marktsättigung festzustellen ist.  Dies ist u.a. bei TV-Geräten und Fernsehern der Fall, doch damit die Nutzer animiert werden, fröhlich weiter ihr Geld auszugeben, müssen neue Impulse gesetzt werden – doch diese fußen nicht unbedingt auf Wünschen der Kunden.

Als die ersten gebogenen Fernseher präsentiert wurden, stellten sich die potenziellen Kunden eine ganz simple Frage:“Was zum Teufel soll das?“ Als die EU-Kommission im Rahmen der Umsetzung der Öko-Designrichtline festlegte, dass Staubsauger ab 1.9. nur noch maximal 1600 Watt aus der Steckdose saugen dürfen, stellten sich die potentiellen Kunden dieselbe Frage. In beiden Fällen übrigens durchaus zu Recht, doch bei den Saugern gibt es einen echten Grund für die regelnde Hand.

Drehen wir das Rad der Zeit etwas zurück, wirklich nur etwas. Anno 2012 waren FullHD-TVs mit gescheitem Panel, in netter Größe und mit 3D für kundenfreundliche Preise zu bekommen. Jeder konnte die Glotze seiner Wahl finden und musste sich dafür nicht verschulden. Die Auswahl war groß – genau wie bei den Staubsaugern.  Marken und Namen spielten keine Rolle mehr, denn wenige große Hersteller belieferten quasi alle Marken, als bestes Beispiel mal Philips zu erwähnen, die selbst keine Panels bauten, sondern sich von Funai und LG die Mattscheiben liefern ließen. Bei den Staubsaugern kam die Preiswert-Liga aus China (wie so oft und wie gewohnt), „Made in Germany“ bekam man auch weiterhin bei den bekannten Marken wie Miele, Bosch/Siemens, EIO (na, kennt die jemand?) und Vorwerk, ob mit Beutel oder beutellos blieb persönlichen Vorlieben überlassen. Einige wenige Hersteller sangen schon 2012 das Lied der Energieeffizienz, wohlwissen, dass 2014 die neue Verordnung der EU umgesetzt werden muss. Es war das größte Thema auf der IFA im Bereich der Weißen Ware (Haushaltsgeräte), so wie 4K und Curved bei der Braunen Ware (Unterhaltungselektronik) und in beiden Bereichen wurde massiv die Werbetrommel gerührt. Der eine gesättigte Markt (TV) musste auf teufelkommraus wiederbelebt werden, beim anderen (Sauger) kam die Steilvorlage von der EU… wobei man hier natürlich erwähnen muss, dass die EU-Kommission den Sauger-Thematik nicht aus der Luft griff, sondern die deutsche Industrie-Lobby dieses Thema forcierte. Dies tat sie, weil sie wusste, die eigenen Produkte mehrals ausgereift sind, eine hohe Lebendauer aufweisen, somit den eigenen Absatz ja schmälern, und natürlich dass viele Mitbewerber bei der Umstellung des Sortiments große Probleme haben würden. Etwas anders gestaltete sich die Lage im TV-Markt, wo die Hersteller nur kleine Schritte machten, der Kunde aber nicht treudoof mitzog, sich also nicht aller zwei Jahre eine noch größere Glotze kaufte, sondern mit der, die er hatte, einfach zufrieden war. Mehr als X Zoll braucht man nicht, mehr Dimensionen als deren 3 sind nicht nötig – was also tun? Genau: Man schraubt an der Auflösung. Diesen Trend gab es im Bereich der Sauger schon lange und er zog. 2000 Watt wurden zum Standard nur sind eben Watt nicht gleich Watt – so wie Pixel nicht gleich Pixel sind. „Mehr ist besser“ zieht nicht, wenn die Wohnzimmer nicht größer werden und was nützen 60 Zoll, wenn man keine zwei Meter vorm TV sitzt? Was nützen 2500 Watt, wenn die Effizienz bescheiden ist?

Die EU schwingt die Effizienzflagge, womit nicht nur ein real auch wirklich niedrigerer Stromverbrauch einhergeht, zudem auch ein deutlich geringeres Betriebsberäusch. Das ist übrigens einer DER Vorteile überhaupt, denn die heute oftmals erreichten Werte um 75 dB(A) bedeuten eine Halbierung der Lautstärke im Vergleich zu dem für 2000 Watt-Modelle üblichen 80 bis 82 dB(A) – das lohnt sich! Nur wird just dieser Punkt nicht dezidiert hervorgehoben, ist zwar auf dem Staubsauger-Label vermerkt, wird aber bei Weitem nicht so beworben wie die Energieeffizienzklasse.  Rechnet man Klasse A den Klassen D oder E oder F mal gegen, spart man keine 10 Euro im Jahr… na wow! Da sind „leise“ 70 dB(A) doch von viel größerem Nutzen… auch für die Nachbarschaft. Bei der Braunen Ware geht es hingegen traditionell um das Mehr und dies ohne Rücksicht auf die Sinnhaftigkeit. Mehr als eine Person kan nicht direkt im Fokus eines Curved-TVs sitzen, mehr als FullHD lohnt in 95 % aller Wohnzimmer nicht und abgesehen davon gibt es noch immer keinen standardisierten 4K-Datenträger. Und wie schaut es bei der Energieeffizienz aus? Ein TV läuft am Tag gern mal mehr als zwei Stunden – das muss ein Sauger in einem ganzen Monat nicht (auch wenn die EU das anders sieht und eine Stunde pro Woche zur Berechnugn ansetzt). Sauger werden in der Region zwischen 30 und 70 Kilowattstunden pro Jahr berechnet – ein schöner OLED-TV läuft damit keine 300 Stunden, also nur etwa 50 Minuten am Tag… ha, aller zwei Tage mal einen Film. Logik anyone?
Apropos OLED: Es ist zwar schade, dass Plasma tot ist (kontrastreiche Bilder, sattes Schwarz, brilliantes Weiß), angesichts der letzten Ausbaustufen (über 60 Zoll mit über 300 Watt an Maximalleistung) aber eigtl. keine traurige Sache, doch OLED kann es auch nicht besser. Sieht toll aus, schluckt aber Wattstunden wie Hölle, nämlich genau wie Plasma, nur eben nicht so hell, sondern mit einem leichten Grauschleier statt sattem Weiß. Grauschleier gab es auch bei beutellosen Staubsaugern, aber die Hersteller lernten dazu, simple Klappen am Staubcontainerboden, dazu eine hohe Modularität und endlich (!) mal dichte Gehäuse sorgen mittlerweile für eine einfache, saubere Handhabung – ohne Folgekosten für Staubbeutel. Ja, man muss nicht die Milchmädchenrechnung von Dyson mitmachen („bis zu 329 € in fünf Jahren„), wofür man gerade so mal einen neuen Dyson-Bodensauger plus einen Ersatzfilter bekommt , doch gerade die Nachhaltigkeit wird so kurzsichtig betrachtet, dass es schmerzt. Spätestens seit der Abwrackprämie sollten wir alle wissen, dass der ökologische Fußabdruck eben nicht allein vom Benzinverbrauch abhängt, sondern die Produktions- und Inverkehrsbringungskosten eine gewaltige Rolle spielen. Doch dies würde das Ziel der EU und der TV-Hersteller torpedieren, denn KAUFEN KAUFEN KAUFEN würde die Kunden dann nicht mehr. Zum Glück (aus Trägheit und Skepsis um genau zu sein) tun sie dies aber sowieso nicht, was bei den Saugern durchaus etwas schade ist (die neusten Modellgenerationen sind wirklich rundum gelungen), bei den TV aber sogar von Vorteil, denn die FullHD-Pabels anno 2012 und 2013 sind besser als die Nachfolger, weil heute der Fokus der Hersteller schlicht und einfach auf den Curved- und 4K-Panels liegt, die FullHD-Panels daher vernachlässigt werden.

Tja, was müssen die Hersteller nun eigtl. tun?
Im Bereich der Sauger gilt es das Augenmerk auf Betriebsgeräusch und Handhabung zu legen. Mit Flüster-Betrieb, Griff-Fernbedienung, Kabellänge und auswaschbaren Luftfiltern lassen sich die Kunden locken, denn das Staubsaugen ist und bleibt eine Arbeit, die man ungern macht, dann soll es doch aber wenigstens bequem und unkompliziert sein.  Am besten natürlich mit schnell wechselbaren Düsen, vor allem für Hartböden, direkt am Griff, samt Halterung für die Kombi-Bodendüse. Klingt simpel, aber es gibt tatsächlich keinen Saugern auf dem Markt, der just dies bietet.
Und bei den TVs? Tja, da schaut es düster aus, denn zurückrudern werden die Hersteller nicht. Die haben sich festgefahren, stecken im Möglichkeitenschlamm fest. Es gibt nur einen Ausweg: Qualität statt Quantität! Weg mit curved, her mit komfortabel zu nutzenden Fernbedienungen, weg mit 70 Zoll, her mit gescheiten Lautsprechern und wenn schon 4K, dann doch bitte gleich einen Mediaplayer dazu liefern, der dies beherrscht… und Netflix samt 50-mBit-Discount-Anschluss! Es müssen sinnvolle Pakete her, Rundumsorglos-Angebote zum Lock-Preis, nicht aber Lichthöfe in dunklen Szenen und miese Blickwinkelstabilität!

JS für Orthy.de, C2014

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