Das Scotch-Duell: Part IV

Heute: Rauchige Sherrytöner: Bowmore Enigma vs. Port Charlotte PC10

Die Kombination aus Rauch und Sherry ist eine besonders verlockende, weil die Komplexität eines Scotches hierdurch enorm gesteigert werden, was dem Genuss natürlich sehr zuträglich ist. Mit Enigma und PC10 treffen hier nun zwei Duellanten aufeinander, die alles bieten wollen und dabei kein Loch in die Geldbörse sprengen.

Bowmore ist nicht nur eine der ältesten Brennereien überhaupt, sondern sogar die älteste auf Islay, weist eine lange Tradition auf und ist vor allem für sherrytönige, mittelrauchige Scotches bekannt. Port Charlotte hingegen ist zwar ein alter Name (gleichnamige Brennerei), stammt aber aus dem Hause Bruichladdich, wird auch genau dort bei den selbsternannten „progressiv hebridean distillers“ gebrannt und ist eigentlich eher für den rauchigsten aller Whiskys („Octomore“) bekannt. Mit dem „PC 10“ komplettiert Bruichladdich aber nicht nur einfach eine Sammler-Reihe, sondern wagt sich auch an die Nachreifung im Sherryfass, liegt somit im Trend und hat, dies sei vorab gesagt, auch einen richtig feinen Scotch erschaffen.

Kategorie 1: der Rauch
Sowohl der Enigma als auch der PC10 sind keine Rauchbomben á la Ardbeg, Lagavulin und Laphroaig, gehen auch nicht den Kurzzeitnachreifungsweg vom Kilchoman Machir Bay, sondern setzen auf ein Mehr an Komplexität und Reifealter, wobei der PC10 mit seinen offiziell 40 ppm Rauchanteil im Malz noch etwas über den Spezifikationen von Bowmore liegt (hier werden überlicherweise 30 bis 35 ppm erzielt) und genau dies kann man auch schnell erschnüffeln. Das ist nicht nur des zwei Jahren jüngeren Alters geschuldet, sondern ganz klar der Rauchtrocknung. Beim Bowmore wirkt der Rauch klar dezenter, besser eingebunden, er schwelgt harmonisch mit und erinnert eher an ein Lagerfeuer: klar zu spüren, dazu aromatisch, aber nicht aggressiv oder gar „stinkig“. Beim PC10 hingegen ist der Rauch sofort und ganz deutlich präsent, überdeckt erst einmal alles andere, weist sogar einen überraschenden phenolisch-medizinisch Touch auf und erinnert durch die Süße schon direkt an einen Ileach (nicht die Fassstärke!). Der PC10 kann seine Herkunft nicht verheimlichen, er ist ein typischer, moderner, vergleichsweise junger Islay-Scotch mit leichter BBQ-Note und etwas Zitronen-Eukalyptus, der Rauch aber ist auf jeden Fall sehr aromatisch und weich.  Der PC10 holt diesen Punkt, ganz klar.

Kategorie 2: der Sherry
Beim Enigma ist eine erstaunlich frische Fruchtnote deutlich zu riechen, dieser 12-Jährige liegt nicht „tot im Glas“, sondern wirkt lebendig, mit Karamell und einer leichten Eichennote, dazu einer deutlichen Süße und sogar etwas Würze. Vom Alkohol ist quasi nichts zu spüren, bei 40 Volumenprozenten ist dies aber auch kein Wunder. Erst wenn man die Nase tief ins Nosingglas steckt, wird beim PC10 der Alkohol spürbar, im „Normalabstand“ hingegen sucht die Nase lange nach dem Sherry, wirklich sehr lange. Ja, die Dunkelfrüchte sind präsent, ja, die Reife ist ansatzweise da, aber First-Fill-Fässer oder eine lange Nachreifezeit kann beim besten Willen nicht erschnüffelt werden. Der Rauch bleibt dominant, der Sherry kann nicht hindurchbrechen. Diesen Punkt verliert der PC10 also.

Kategorie 3: der Geschmack
Erst süß, dann stetig würziger werdend, wunderbar voluminös und dies alles begleitet von mittelstarken Sherrynoten – der Enigma schmeckt so, wie die Nase es versprochen hat, nur eben noch jeweils ein stück intensiver. Harmonisch, aber kräftig, sherrytönig, aber nicht zu holzig, wobei etwas Eiche schon nicht zu überschmecken ist. Brillieren kann der Enigma aber nicht, denn eine Sherrybombe oder Rauchbombe ist er nicht, er ist zwar komplex, aber auf vergleichsweise niedrigem Niveau, man könnte auch sagen, dass er „einsteigerkompatibel“ ist. Das kann man vom PC10 nur bedingt sagen, zwar hat auch er eine deutliche süße Note, ist aber auch auf der Zunge sehr rauchig, zudem weniger rund, eher aggressiv, weniger fruchtig und eher würzig – kurzum: ein sehr rauchiger Scotch mit einem Hauch von Sherry und somit fast das Gegenteil des Enigmas. Auch dieser Punkt geht also an den Enigma.

Kategorie 4: der Abgang
Wie zu erwarten war, ist er Enigma mittellang und wärmend, dazu leicht trockener werdend mit deutlicher Eiche, zum Schluss kommen sogar leichte Kaffeenoten durch – das ist schon richtig Klasse. Beim PC10 herrscht die Würze, der Abgang ist länger und intensiver, die 46 Volumenprozente tragen den Rauch bis tief in die Speiseröhre, von der Frucht ist fast nichts zu spüren, dafür aber vom Rauch und dies immer, durchweg, ganz klar. Je öfter man den PC10 probiert, desto „südküstentypischer“ wird er. Die Eiche hält sich dezent zurück, Vanille oder Karamell fehlen, allein eine leichte Zitrusnote zieht als Begleitung noch durch den Rachen. Es steht somit 3 zu 1.

Zieleinlauf
Verblüffend, wie unterschiedlich die beiden Scotches ausfallen, sie entziehen sich fast dem Vergleich, da sie ganz unterschiedliche Charaktere spielen, aber genau dies ist eben auch ein wenig ärgerlich. Es sind beides richtig gute Scotches und nicht nur für Islay-Fans probierenswert, aber dem einen fehlt es an Rauch, dem anderen an Sherry – ein Mittelweg wäre die Optimallösung. Der PC10 wird wohl erst als PC12 ein Sherry-Raucher, der Enigma hingegen ist vll. schon 2 Jahre zu alt,  der Rauch, der eh nicht in Massen vorhanden ist, hat sich schon ein ganzes Stück weit zersetzt. An sich würde der Enigma das Duell mit 3 zu 1 gewinnen, doch Geschmack ist eben Geschmackssache und wenn man Rauch präferiert, hat er Bowmore keine Chance, liegt meilenweilt (gefühlt 20 ppm) hinter dem PC10,  der eine echte Volumenbombe ist und sich auch größter Beliebtheit erfreut, nicht anders ist es zu erklären, dass die Flasche mittlerweile über 50 Euro kostet, Mitte 2013 waren es noch knapp 40 Euro. Beim Enigma hält sich der Preis, der Schnäppchenpreis, denn ein Liter für etwa 35 Euro ist schon beeindruckend … angesichts des sehr geringen Anteils an First-Fill-Fässern und der doch eher mäßigen Rauchintensität ist dies aber nachvollziehbar.  Welcher der beiden Scotches für welchen Geschmacksty der passender ist, dürfte nun klar sein, auf der 10er Skala erhalten beide letztlich sehr solide 7,5 Punkte.

Randnotizen
Viel mehr Phenole, noch mehr Süße und ein fast unschlagbar hohes Niveau an Intensität bietet die Lagavulin Distiller’s Edition, dieser Scotch ist in allen Belangen ein Top-Whisky, kostet aber leider auch mittlerweile 70 Euro. Auch mit klar spürbarer Sherrynote kommt der normale Lagavulin 16 yrs daher, er ist einer der Muss-man-probiert-haben-Scotches schlechthin. Wer es stark phenolisch und deutlich wilder mag, der kann zum Laphroaig Triple Wood greifen, die Sherrynoten sind hier aber klar hintergründiger. Wer ein Höchstmaß an Komplexität möchte, ohne dabei starken Rauch und dominanten Sherry zu riechen und zu schmecken, greift am besten zum Bunnahabhain 12 yrs – ein absoluter Spitzenwhisky, der zudem mit rund 35 Euro auch noch unverschämt preiswert ist, mehr Scotch gibt’s fürs Geld nirgends.

JS für Orthy.de, C2014

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