Missverstandener Markus

Die kürzlich gestartete Online-Petition „Raus mit Markus Lanz aus meinem Rundfunkbeitrag!“ hat mittlerweile hunderttausendfache Zustimmung gefunden, die Empörung über Lanz’ Verhalten bei seiner abendlichen Talkrunde ist groß, allen voran kocht die Web-Community ein Süppchen aus Wut und Frust. Besonders der Umgang mit Sahra Wagenknecht in der Talkrunde vom 16. Januar stieß vielen Zuschauer sauer auf, brachte das Fass quasi zum Überlaufen, sorgte für einen Orkan der Entrüstung. Wieso? Warum? Weshalb?

Wagenknecht ist eine abgebrühte Spitzenpolitikerin, Lanz ein abgebrühter Talker, es ist also nur fair, beide aufeinander loszulassen und zu schauen, was sich denn so Interessantes gestalten lässt. Aus diesem Grunde kam Wagenknecht ja auch in die Talkrunde, wenn sie irgendwas Inhaltliches hätte diskutieren wollen, wäre sie nicht in eine Sendung mit Schauspielern (die gibt’s im Bundestag ja eh genug, da fehlt die Abwechslung), vor allem nicht mit Hans-Ulrich Jörges und natürlich erst recht nicht mit Markus Lanz gegangen. Das konnte man vor knapp einem Jahr schon sehen, als Wagenknecht zuletzt bei Lanz war, in illustrer Runde mit Sky Dumont und Daniel Kübelböck (kennt den noch jemand?). Damals war das „Ergebnis“ eines, was vorher schon fest stand: Nix, nüscht, nothing, rien.
Auf eine Neuauflage des Hinspiels hatte Lanz diesmal aber keinen Bock, also holte er sich für das Rückspiel einen in die Sendung, der immer kommt, wenn er gerufen wird, und verbündete sich mit ihm, weil beide wussten, dass „die schöne Sahra“ eben nicht ganz so einfach zu knacken ist. Jörges und Lanz machten also das, was sie machen mussten, d.h. Wagenknecht massiv unter Druck zu setzen, ihr keine Zeit zum Herausreden zu lassen, um das zu bekommen, was man von Politikern eigentlich nie bekommt: Kurze, knackige, klare, korrekte Aussagen. Wagenknecht wiederum machte das, was sie schon immer macht und als Oppositionspolitikerin der Linken machen muss, also versuchen, irgendetwas irgendwie zu erklären und dabei die Regierung und das System schlecht aussehen zu lassen. Was dabei herauskam? Ja nichts, natürlich. Moritz Bleibtreu fasste die Szenerie mit einem prägnanten „Kann ich ’n Wein haben?“ zusammen – hierfür gebührt ihm übrigens ein ganz dickes Lob!

Doch zurück zur Online-Petition: Es gibt gleich mehrerlei Dinge, die von Initiatorin und Unterzeichnern einfach nicht verstanden wurden. Da wäre z.B. das grundlegende Konzept der Lanz’schen Talkrunde, das eben nicht darin besteht, irgendwie informativ zu sein, sondern das unterhalten will. Dann wäre das Missverständnis, dass ein Talker nicht treu nach dem Hanns Joachim Friedrich’schen Motto „dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache“ agieren soll oder muss, denn der Talker ist kein Journalist, sondern Talker, schwebt somit in einer anderen Sphäre und kann daher sehr wohl einen Gast attackieren, egal wie, denn es ist ja die Talker-Show, nicht die des Gastes. Letztlich aber, und das ist vielleicht der wichtigste Aspekt, kann eine Online-Petition doch nicht allen Ernstes so etwas wie „Demokratie“ oder „Anstand“ oder „Fairness“ einfordern, gar die Job-Kündigung eines Staatsangestellten, denn das alles ist in einer Talkrunde, im ZDF, im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ja gar nicht vorgesehen. Wo kämen wir denn hin, wenn der engagierte Zuschauer darüber bestimmen könnte, was gesendet wird bzw. wer auf Sendung geht?
Öhm, hmmm, huch … na vielleicht doch? Irgendwie? Lieber Leser, ich komme leider gerade nicht darauf, wie das klappen könnte. Mir liegt es auf der Zunge, es … es reimt sich auf „zweifach dicht dranhauen“ oder „dreckspalten“ oder so. Ich weiß aber, dass diese Taktik auch bei Österreichern klappen müsste.

 

JS für Orthy.de,  C 2014

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