Stöcke gegen Regenrennen

Die Leichtathletik-WM in der Hauptstadt des lupenrein-demokratischen Russlands ist das Highlight des Jahres für alle TV-Zuschauer, die gern Menschen beim Rennen, Springen und Dingeschmeißen zusehen. Über zwei Wochen hinweg kämpft die motorlose Sportelite im halbleeren Stadion um die Medaillen, ARD und ZDF berichten wie gewohnt umfangreich und engagiert.  Nun kommt es in der vom Leistungssport und der Berichterstattung hierüber dominierten TV-Welt natürlich ab und zu mal zu Überschneidungen, das lässt sich nicht verhindern, denn auch in Russland hat der Tag nur 24 Stunden, was für Homosexuelle durchaus Vorteile hat, denn so können sie nur 24 Stunden am Tag verfolgt, verhaftet und verprügelt werden.

Fernab der Schaltzentrale des großen Gaslieferantens findet zeitgleich ein Autorennen statt, in der Eifel, auf dem legendären Nürburgring, wo die vorvorletzate Lauf der Deutsche Tourenwagen Masters ansteht. Eine Vorentscheidung in Sachen Meisterschaft kann hier fallen, der Führende in selbiger steht nur im Mittelfeld, die Titel-Konkurrenten viel weiter vorn, zudem setzt pünktlich zum Start der Regen ein, den vorher niemand auf dem Plan hatte – Motorsportherz was willst du mehr?

Doch kaum war das Rennen gestartet, kaum hatte der Meisterschaftsführende sich für eine Boxenstopp- und Reifenstrategie entschieden, die so ziemlich genau dem Gegenteil dessen entsprach, was der Rest des Feldes versuchte, gibt es die Schalte nach Moskau, wo eine Frau gerade Anlauf nimmt, um vor drittel-besetzten Rängen einen langen Stock zu werfen – was zum Teufel …?
Der Schreckzustand hielt für unendlich wirkende zwei Minuten an, dann ging es wieder zurück auf den Nürburgring. Die PS-Boliden schliddern über die Strecke, der Regen lässt leicht nach, der ans Ende des Feldes gerutschte Titelkandidat holt mit großen Schritten auf, Erinnerungen an viele legendäre Regenrennen werden wach und gerade als die erste Runde der Boxenstopps im Gange ist, kommt wieder die Schalte nach Moskau: Eine andere Frau will jetzt im viertel-gefüllten Stadion einen langen Stock werfen – was zur Hölle …?

Während vom Wagen des Titelverteidigers Qualm aufsteigt, man jederzeit mit einem Reifenschaden rechnen muss, die Strecke abtrocknet, eine wunderbare Unordnung im Feld herrscht und der geneigte DTM-Fan sich über ein schon nach 20 Runden so abwechslungsreiches Rennen freut, wie es kaum in der Saison mal vorkommt, gibt es wieder die Schalte nach Moskau … muss man erwähnen, dass wieder eine Frau, diesmal aber eine russische, in einem fünftel-besetzten Stadion einen langen Stock wirft?

Der Top-Pilot von Mercedes steht zur Überrundung an, seine jungen Teamkollegen kämpfen um eine Podestplatzierung, dank der unterschiedlichen Strategien und des bekannt wechselhaften Wetters in der Eifel glühen die Köpfe der Renn-Ingenieure, der Führende kommt zum Boxenstopp, hat genau 21 Sekunden Vorsprung, es geht um Zehntelsekunden bei der Ausfahrt – bleibt er vorn oder muss er sich hinter der Spitze wieder einreihen? Die Frage hierauf gibt es 5 Minuten später, nämlich nach der Schalte nach Moskau, in welcher man mal wieder eine Frau sieht, die einen langen Stock wirft, ihm nachschreit, was man im sechstel-gefüllten Stadion natürlich bestens hört.

Noch bevor alle Autos durchs Ziel sind, gibt’s die Schalte nach Moskau, wo Männer mit schnellen Beinen sich gerade auflockern, um einen kleinen Stock 100 Meter lang zu tragen, diesen dann an den Teamkollegen zu übergeben, der den Stock dann auch 100 Meter lang trägt – „4 x 100 Meter Staffel der Männer“ – ein DTM-Wagen braucht hierfür keine 10 Sekunden, auch im Regen. Während die Stöcke werfenden Damen ihren Versuch Nummer irgendwas im siebtel-gefüllten Stadion haben und der ARD-Zuschauer die Zeitlupe eines rennenden Dopingsünders sieht, findet in der Eifel die Siegerehrung statt.  Die Ränge dort sind brechend voll, trotz – nein gerade wegen des Wetters! Während im achtel-gefüllten Stadion eine Frau vor den ARD-Kameras sich darüber freut, dass sie einen Stock am weitesten von sich wegschreien konnte, stehen die Rennfahrer an den Mikros in der Eifel – also das vermutet man zumindest, da es nach dem Rennen eigentlich immer so ist, doch statt Rennanalysen sieht man Menschen, die in einem eigentlich leeren Stadion Stöcke einsammeln.
Während des Rennens lief im ZDF übrigens „Bares für Rares“, eine „Trödel-Show“ mit dem Koch (!) Horst Lichter, und „Rosentaufe auf Schloss Tüßling“ im Rahmen der „Landgut“-Reihe – hätte man diese beiden Sendungen nicht der Leichtathletik „opfern“ können? Es wäre wahrlich kein Verlust gewesen, für niemanden, echt für gar keinen, doch ARD und ZDF bewiesen eine „Sendeplanungseleganz“ einer schwangeren, verkrüppelten Gazelle, die schon von einem Rudel seniler Löwen umzingelt ist.

JS für Orthy.de, C2013