Angespielt und de-installiert

Ist man mal ein paar Monate gar nicht mehr zum Zocken gekommen, wirkt das Inangriffnehmen des Stapels an Presse-Musters gar nicht mehr wie Arbeit, sondern wie die perfekte Mischung aus Arbeit und Hobby. Es ist zwar nur ein Wochenende Zeit, aber ein paar Spiele kann man durchaus mal anspielen und damit es nicht zu monoton wird, erwählt man eine bunte Mischung, die Auswahl ist ja groß. Vom Wild-West-Schooter über einen SciFi-3rd-Person-Klopper bis zum Rennspiel – lasset die Spiele beginnen!

 

 

„Call of Juarez: Gunslinger“ überzeugt durch ein schönes Setting – die atmosphärisch gelungenen Level sind schick, das Storytelling kreativ und stets mit einem Augenzwinkern versehen, die Sprecher sind einfach Weltklasse. Da stört es nicht vordergründig, dass die Waffenauswahl gering ist, die Level sehr schlauchig sind (man fühlt sich trotzdem nie sonderlich eingeengt) und die Gegner quasi keine KI haben. Zwar erinnert das Durchballern an Moorhuhn, aber hey: So war der Wilde Westen eben. Sogar an die Quick-Time-Events kann man sich gewöhnen, man muss sie aber nicht lieben – so weit, so gut. Was auf Dauer aber total nervt, sind die Popups, die so groß und lang sind, dass sie ganz klar im Kampf (v.a. beim Zielen) stören. Auch darüber könnte man noch hinwegsehen, über das Kern-Feature, die Duelle, hingegen jedoch nicht. Zäh, unpräzise, wacklig, mit heftger Latenz – beim Mexican Shooutout hat es mir dann gereicht, war mir einfach zu dumm. Selten breche ich ein Spiel mittendrin ab, weil die innere Motiviation, das Spiel abzuschließen, einfach sehr groß ist, doch Gunslinger gelingt dies. Oft ärgert man sich nach einer Weile, dass man sich nicht zusammengerissen hat und das Spiel durchzog – bei Gunslinger besteht da allerdings kein Risiko, denn Abwechslung gibt es nicht, man verpasst also nichts.

Ein gepflegtes Rennspiel kann nie schaden, schicke Grafik, packende Rennen – och, das kann man schon mögen. Bei „GRID 2“ aber fühlt man sich von Beginn an eher als Follower-geiler Depp, als Marionette von Social Networks. Bin ich 12 oder bin ich ein Racer? Ich siege Rennen um Rennen und bekomme dafür als Belohnung eine steigende Anzahl von Fans – der Spieler im Kleid einer Attention Whore – na danke! Irgendwer schaltet mir dann neue Autos frei mit denen ich dann noch mehr Fans für mich begeistere … nein, ich bin keine 12 Jahre alt, ich de-installiere diesen Unfug ganz schnell wieder.

Wer kein Comic-Helden-Freak ist, dem könnte „Deadpool“ gänzlich unbekannt sein – schade eigentlich, denn der durchgeknallte Spaßmacher nimmt nichts ernst, kommentiert alles und jeden mit seinem speziellen Humor, der doch recht oft sitzt und ein Grinsen aufs Gesicht des Spielers zaubert. Schnell, flüssig, explosiv, dazu die Mischung aus Haudrauf- und Shooter-Action – schönes Konzept, martialisch, politisch unkorrekt, toll. Doch hoppla: Die Steuerung lässt sich nicht umfänglich einstellen und somit die Tastenbelegung ist eine Katastrophe für alle jene, die den Begriff „Ergonomie“ noch aus der Zeit kennen, wo er keine leere Worthülse war. Ja, natürlich, es ist ein Multiplattformspiel, das Strafen gibt’s nicht, ein präzises Agieren ist kaum möglich, es ist ein wildes Rumgehüpfe und Rumgekloppe, bei dem man sich bei jedem Schritt darüber ärgert, dass die Steuerung versaut wurde. Nach einer Stunde reicht es dann.

„Remember Me“ wurde in der Szene recht zwiespältig aufgenommen, v.a. weil der Handlungsort namens Neo Paris nur Kulisse ist, das Potenzial nicht ausgeschöpft wurde, und Nilin, so tapfer sie auch ist, so gut der Charakter auch gezeichnet wurde, sich eben letztlich im Kombo-Wahnsinn verliert. Das ist soweit auch korrekt, doch bevor man sich darüber ärgert, dass es eigentlich nur darum geht, neue Kombos zu erlernen und somit noch spektakulärer die Gegner verprügelt, steht eines, was eine Grundseuche aktueller 3rd-Person-Titel ist: Wie Wackeldackelkamera, deren Position so ungünstig ist, dass man stets den Überblick verliert. Wie blöd muss ein Programmierer oder Designer sein, eine freibewegliche Kamera zu implementieren, diese aber in der Hälfte des Spiels zu limitieren, sodass man als PC-Spieler die Maus dann eigentlich komplett ignorieren kann. Gamepad-Deppen mag dies vielleicht nicht stören, die haben schließlich ganz andere Probleme (Stichwort: Ungenauigkeit), die sind es gewohnt, für identische Aktionen unterschiedliche Tasten zu nutzen, doch aus einem PC-Spieler, der auch nur grundlegende Ansprüche hegt, kann dies nur ein „Was soll der Scheiß?“ aus dem Munde zaubern. Wie auch bei Assassin’s Creed ist der größte Feind nicht der virtuelle auf dem Schirm, sondern die Steuerung. Man stelle sich mal vor, man würde an einem Autorennen teilnehmen, säße ist einem modernen Ferrari und würde aufdem Hockenheimring gegen alte Trabant, Isettas und Golfs fahren – easy going, oder? Tja, und was passiert, wenn man vom Fahrersitz in den Kofferraum verfrachtet wird, 5 Sekunden später aufs Dach, denn auf die Motorhaube und kurz darauf kopfüber am Überrollkäfig hängen würde? Das macht das Rennen nicht „interessant“ oder „spannend“, es macht das Rennen noch lächerlicher, als es eh schon ist. Es nervt, es lässt die Frage nach dem Sinn aufkommen – die Antwort hierauf aber simpel: Systemsteuerung -> Programme und Funktionen -> Remember Me -> Deinstallieren. Fertig.

JS für Orthy.de, C2013