Bioshock Infinite Hype

Es wurde heiß ersehnt, es hat zwo erfolgreiche, vielbejubelte Vorgänger, es besticht durch Atmosphäre und Story, es ist wunderschön, es fesselt den Spieler und es wurde und wird vielerorts mit Bestnoten bedacht, es ist: Bioshock Infinite. Es regt aber auch zum Nachdenken an, nicht nur über das Ende (keine Banger: hier wird nix verraten), es hinterlässt bei mir bei mir mehr Fragen als Antworten und auch, das muss man klar sagen, das Gefühl der Enttäuschung.

Der Leuchtturm eine Reminiszenz an die Vorgänger, die Lichteffekte extrem intensiv, die Synchro stimmig, die Verwirrung groß: So fangen moderne Märchen an, also fiktionale Geschichten mit einer Parabel über Falsch und noch falscher. Die Charaktere nicht eindimensional, Sidekick Elizabeth ein echtes Highlight, auch weil sie (wie es ja leider nicht oft vorkommt) kein beschützenswertes Ding ist, sondern weiß, wann man sich zurückhält und wo man sich versteckt. Im Kampfe hilft sie sogar mit Munition und Co. Da auch die Spielzeit mit 8 bis 10 Stunden nicht zu kurz gerarten ist, die Steuerung komfortabel und flüssig gestaltet wurde und der Soundtrack wirklich erstklassig ist, könnte man sagen, dass B:I ein verdammt gutes Spiel ist – doch das wäre zu kurz gegriffen.

Nach dem Spiel fragt man sich, was B:I eigentlich noch mit Bioshock zu tun hat. Der Bodycount ist extrem hoch, erinnert teils an Bulletstorm oder die Neuauflage von Tomb Raider, dafür sind die Rollenspielelemente nur noch rudimentär vorhanden, Entscheidungsfreiräume gibt es nicht, das Skillen wirkt statisch, wenig kreativ und vermittelt irgendwie keine Ambitionen, etwas irgendwie anders zu machen. Die Wege durch die Level sind „übersichtlich“, die KI der Gegner auch (moderner Klassiker: in Deckung gehen, wo eigentlich keine Deckung ist), nur die Handyman sorgen für Stress, der Rest ist mehr oder weniger Kanonenfutter. Wäre da nicht die Medi-Pack-Problematik (in B1 und B2 konnte man sich selbst heilen, wenn es sein musste) und die programmierte Nervigkeit, dass tonnenweise die „falsche“ Munition rumliegt, hätten die Kämpfe Moorhuhn-Charakter. Also mal abgesehen von den massenhaften Clipping-Fehlern, die anno 2013 echt ein Unding sind. Genau wie die Obstkörbe auf den Märkten, die aus gefühlt 0,345 Polygonen bestehen.

Ja, die Story überdeckt einiges, auch die Charaktere sind toll, aber mal ehrlich: Paralleluniversum und Zeitreise – hallo? B:I schöpft das Potenzial nicht mal annähernd aus, das sich in die Länge ziehende Ende erinnert stark an Mass Effect 3, wenn auch wenigstens nicht ganz so triefend unlogisch. Unbefriedigend ist es trotzdem. So toll Elizabeth auch ist, so fesselnd ihr Charakter, so wechselhaft das Zusammenspiel mit Booker, so unklar halt auch, welche Schulden Mister DeWitt hatte (jaja, „Krieg“ … zu simpel!) und was genau denn nun eigentlich herumexpirmetiert wurde (Jahrhundertwende = nicht unbedingt HighTech). Man kämpft sich durch die Wolkenstadt, kämpft, kämpft, kämpft noch etwas mehr, probiert da und dort mal die Spezialfähigkeiten aus – der Wiederspielwert ist nicht gegeben.

Bioshock Infinite hat viel Potenzial verschenkt, es ist mal wieder so ein Spiel, bei dem man sich denkt, dass die Programmierer genau solche Leute sind, die direkt unten am Ende der Rolltreppe stehenbleiben, um sich einen Überblick zu verschaffen, wo es doch viel leichter wäre, am oberen Ende die Szenerie zu überblicken. Die Presse jubelt derweil, lobt auch B:I über den Klee, ohne scheinbar mitzubekommen, dass es kein Bioshock mehr ist. Es schockt nicht, es fesselt nicht, es ist ein kunterbunter Shooter mit einem tollen Sidekick – nicht mehr, nicht weniger.

JS für Orthy.de, C2013