Wetten, dass ich den Gag nicht verstehe?

Es ist zu befürchten, dass mein Humor dahin ist. Oder ich verstehe ihn nicht mehr. Werde ich alt? Wenn ein mannheimischer Türke genüsslich über seinen Migrationshintergrund zum erfolgreichsten Komiker ’schlands avanciert, eine rundliche weibliche Version von Mario Barth sich als Zyndie aus Marzahn sich über Jahr mit dem gedrehten Barth-Witz über Wasser halten kann und sich die Presse dann über die Imitation Michael Kesslers als Günther Jauch „aufregt“, dann hat der Orthy nicht nur die Welt nicht mehr verstanden, sondern auch „Wetten Dass…?“ zum ersten Mal seit Jahren geguckt.

Es ist müßig darüber zu streiten, ob Lanz nun einne bessere Witzfigur abgibt, als Lagerfeld oder Gottschalk. Auch die „Quote“, die sicher unter den Erwartungen, aber deutlich über dem Supertalent liegen wird, ist mir egal. Die Sendung hat es wieder einmal geschafft: Das unterhaltsame daran waren die Wetten. Das wiederum ist aber nicht unbedingt „gut“.
Die Wetten waren alle launig und gut gewählt – sogar die Hundehaar-Wette. Es gab immer schon kuriose Wetten, die aber trotzdem eher unspektakulär waren. „Wetten Dass…?“ war stets eine Sendung, die vor allem Stammtisch-Stunts zeigte, weshalb die Bierkiste auch lange Zeit Requisit nummero eins war, dicht gefolgt vom Bierglas und der Spielkarte.

Hintergründig muss ich mich aber fragen ob Zündi, Buhlent und CRO das rechte Klientel für diese Sendung ist, oder ob hier krampfhaft auf erteellig gemacht wurde?
Uh, der CRO hat auf seinem Hemd stehen „Was reimt sich auf Lanz?“ … Gans natürlich! BRÜLLER! Der CRO, unglaublich… Hammer! Dicker, wer mit so nem Hemd sich vor Millionen Omas und Opas stellt, der hat eine derartige Gans in der Hose! Ich sags Dir – der hat Gänseeier!

Und das ist eine prima Überleitung zum Püllent. „Der Lanz hat Eier“, meint der. Kleiner Versprecher, er meinte  bestimmt „Gans“ – „Der Gans hat Eier, altä!“. Dabei konnte man sich bei den humoresken Größen gar nicht entscheiden, wer unterirdischer war, der türkischste Mannheimer ’schlands, oder vielleicht doch die Frau, deren Witze  irgendwie alle einen Barth hatten… oder doch Lanz?

Zwei Stunden später und nach einer Flasche Müller-Thurgau erwischte ich mich beim sinnieren, wer in der Sendung nun eigentlich am witzigsten war? Also die anderen Gäste, wie der Campino oder der Tenor mit Brusthaar blieben blass. In den Recall kamen bei mir: Ceylan, Marzahn, Lagerfeld, Kessler, CRO und Lanz.

Im Finale sehe ich Lagerfeld und Kessler. Bei erstgenanntem hätte Bohlen wahrscheinlich gleich den roten Buzzer gedrückt. Als Aussenseiter gleich ganz oben: Der Junge, der die S-Bahn auswendig kann! Brüller!

Und nun schau ich auf die Nominierten des Deutschen Comedypreis und muss sehen, dass ich aus dem Kopf die meisten Namen nennen könnte. Die einen, sind aktuell und bestechen durch Ideenlosigkeit oder Plakativhumor, die anderen sind seit 20 Jahren im Geschäft. Da stechen Leute wie Monika Gruber oder Olli Welke geradezu heraus. Dabei finde ich den Welke nicht lustig und Monika gibt mir zu sehr den weiblichen Mittermeier.
Und Kaya Yanar gegen Buuulent… Godzilla vs. Megaäffle.

Der Rest der Liste ist der Einstand der Comedy-Rentner, die schon vor 20 Jahren (zu Recht) ihre Erfolge hatten.

Offensichtlich herrscht hier der gerade von der einzigen weiblichen Comedygröße im politischen Kabarett heraufbeschworene demografische Wandel bereits vor. Warum ist eigentlich Angela Merkel nicht nominiert, hatte sie doch die meisten Lacher im  letzten Jahr auf ihrer Seite? Wer soll denn eines Tages die Rente für Detlef Buck und Christoph Maria Herbst zahlen?
Will man wirklich wissen, wie die Kinder von Cindy aus Marzahn und Bühlent aus Mannheim aussehen?
Es stimmt mich nachdenklich, dass CRO mit dem Wortspiel Ersch…easy mir aus der Seele gesprochen hat.

Ob Cindy Nachts im Bett bei einer letzten Lollystange darüber nachgedacht hat, dass ein Kind, welches im O-Ton Berliner-S-Bahn-Ansagen aufsagt in 5 Minuten mehr Lacher hatte, als alle „Comedians“ in der ganzen Sendung?

Werden wir demnächste beim Comedy-Club Kinder erleben, die die deutschen Bahnnetze aufsagen?
Wird „Es herrscht Ersatzverkehr mit Bussen, zwischen den Stationen Hauptbahnhof und Reichstag“ eines Tages zum Supergag?

Wie Klamotten und die ewigen Fortsetzungen erfolgreicher Filme: Alles ist schon da gewesen, auch die Gags der aktuellen Comedy-Generation. Es kann nur bergauf gehen, denn wer das Programm von Nighwash und Co. einmal geschaut hat weiß, in der Indie-Szene brodelt es.

Viellleicht sollte ZDF nicht mehr so erteellig, sondern mehr zettdeeffkulturig werden und es auch mal wagen, bei einem RTL einen „Star“ auftreten lassen, der nicht von den privaten schon total breitgelatscht wurde. Dann hätte der Lanz auch mal Gäste, an denen er sich abarbeiten kann.

Lanz ist nämlich ein langweiliger Humorist, aber ein phantastischer Interviewer!

pco(2012)

Eine Antwort auf „Wetten, dass ich den Gag nicht verstehe?“

  1. Als nach den HEUTE-Nachrichten der „Countdown“ zur Show kam, wusste ich: „Jetzt spielt das ZDF eine Runde RTL.“ Der Live-Ticker bei SPON hat dann endgültig klargemacht, dass alles nur Selbstzweck ist, kein Konzept dahintersteht, keine Philosophie. Man hängt sein Fähnchen in den Wind, fertich.
    Das schweizer Dummchen, Michelle Hunzsabbler, wurde dem Tommy Gähnschalk damals an die Seite gestellt, um das Publikum unter 70 für WD zu begeistern – das gelangt nicht wirklich. Die Ich-war-früher-mal-witziger-Cindy, der Ich-bin-ein-armseeliges-Stereotyp-Bülent, der Bescheuerte-Klamotten-sind-wie-Potemkinsche-Dörfer-CRO und nicht zuletzt Lanz himself sind da das Einknicken vor der Quote, die Anpassungs an das noch lebende Publikum, welches ja noch lachen kann, ohne gleich den Herztod zu sterben.

    PS: das „phantastischer Interviewer“ ist doch hofftl. ironisch gemeint, oder?

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