Offline: Teil 1 – Datenchaos (Update)

Daten umgeben mich. Und ich blicke nicht mehr durch. Ausgerechnet ich, der ich seit frühster Kindheit stets und ständig alles in irgendeinen Computer getippt habe. Meine Handy-Kontakte – Daten, meine Musik – Daten, meine Urlaubsbilder – Daten, meine Freunde – Daten. Und mit der Wachsenden Infrastruktur um diese Daten wachsen die Möglichkeiten und Fähigkeiten noch mehr Daten zu speichern. Meine Daten, Deine Daten, Seine Daten – Wessen Daten?

Watn Daten?

Ich sammle Daten, hinterlasse Daten, übermittle Daten, lösche Daten, generiere Daten, sichere Daten. Aber welche Daten muss ich sichern, generieren, hinterlassen, lieber löschen übermitteln?

Meine älteste Diskette mit Daten ist von 1985. Darauf befinden sich meine ersten eigenen Daten – ein paar Programme. Die älteste noch existente 3,5“ Diskette mit Spielständen datiert auf 1990. Mein erstes digitalisiertes Album existiert noch – 1998. Meine erstes digitales Homevideo 2001, meine erste E-Mail an meine eigene Domain – 2001. Das älteste Digiatlfoto von mir 2003. Mein erstes Mobiltelefon hatte ich bereits 1998. Die Adressdatei meines Siemens S35i von 2002 habe ich noch.  In meiner E-Mail-Box liegen derzeit 860 Megabyte an E-Mail. Mein Online-Fotoalbum ist derzeit 260 Megabyte groß, auf meiner  Festplatte ruhen rund 180 Gigabyte an Bildern. Ferner nenne ich eine Sammlung mit rund 5000 Musikstücken mein eigen, liebevoll aus meiner CD-Sammlung in ein verlustfreies und kratzfestes Format gerippt. Mein Dokumentenordner hat über 10.000 Dateien, teilweise über 10 Jahre alt. In meinem Google-Adressbuch liegen 86 Kontakte, davon rund Dreiviertel mit E-Mail-Adresse, rund die Hälfte mit Hausanschrift und ebenso rund die Hälfte mit einem Foto. Etwa ein Viertel dieser Kontakte sind bei Facebook, ein Zehntel bei Xing, drei sind bei Stayfriends, drei bei Googleplus. Meine 3 Terabyte Festplatte ist noch nicht zur Hälfte voll. Für Backups habe ich eine 2 Terabyte große Platte und ich sichere auch in eine Cloud die ganz wichtigen Dinge.

In meinem Leben habe ich sicherlich um die 500 EULAs ungelesen weggeklickt, unzählige kleinere und größere Urheberrechtsverstöße begangen (gerade in der Kindheit und Jugend). Wer will findet in meinem Datenchaos sicherlich auch heute noch den einen oder anderen, obwohl ich schon seit vielen Jahren ausschließlich auf Originalsoftware oder OpenSource setze und sehr stark auf mein korrektes Verhalten in dieser Hinsicht achte. Man wird ja erwachsen.

Datenmassen für Datenmessies

Es ist asozial, es ist krank, aber ich gebe es jetzt endlich zu: Ich bin ein Datenmessi.  Meine Sammelwut kennt keine Grenzen. Von den oben genannten Daten können ungelesen sicherlich die Hälfte sofort auf den Müll.

Die Industrie hat das Heranwachsen meiner Sucht immer weiter gefördert. Zuerst, da waren die großen Festplatten, erst ein Gigabyte, dann hundert, dann tausend. Es  war leicht Unmengen an Daten zu lagern. Das einfache Kopieren großer Datenmengen, wie ganzer Musiksammlungen verlockte zu Illegalem. Daten wurden nicht mehr gekauft oder erzeugt, sie wurden „gesaugt“.

Dann kam der Wandel. Das Internet, zuerst Quell von Daten, heute geben wir ihm Daten. Gigabytes an Daten schaufel ich täglich  in die „Cloud“ – eine neuer Designerdroge. Ich fixe täglich Facebook, zieh mir ne Line Maps und habe dank Android stets etwas Twitter und Google+ in der Tasche für den Datenshot zwischendurch. Heute stehle ich nicht mehr die Daten von Unternehmen in Form von Raubkopien, heute habe ich meine liebe Not meine Daten vor den Unternehmen zu schützen.

Daten und was sie über mich sagen

Eine Musiksammlung in iTunes, die nur auf dem PC und dem iPhone/Pad/Pod funktioniert, nicht aber auf dem Android-Handy. Dokumente, die immer gerade auf dem Computer liegen, der aus ist. Drei Betriebssysteme im Haus (bspw. Windows, iOS und Android) und stets nur Cloud-Dienste, die nur auf 2 dieser Systeme maximal funktionieren. Ein Streaming-Server im DSL-Router der aber nicht alles streamt. Und dazu noch eine verwirrende Formatvielfalt.

Irgendwann wurde mir klar, dass je mehr ich mich um Ordnung in meinen Daten bemühte, je mehr ich versuchte die ganzen Funktionen der schönen neuen Datenwelt zu nutzen, je mehr ich beispielsweise Social-Media hier helfen ließ, umso undurchschaubarer  wurde es.

Natürlich ist es schön, dass eben bei einem Handy-Verlust nicht alle Telefonnummern futsch sind. Selbstverständlich ist es cool, die Lieblingsmusik ohne großes Kopieren immer „dabei“ zu haben, oder überall in der Wohnung abspielbereit zu haben. Es ist herrlich sich über Backups keine Gedanken machen zu müssen. Es ist mehr als nur ein Gimmick, dass meine Abspielsoftware meinen Musikgeschmack kennt und mir „gute Musik“ vorschlägt. Sie läd zum Entdecken der Musikwelt von der Couch aus ein. Und es stört mich auch nicht, auf Amazons Startseite zu sehen, was mich interessieren könnte, statt Damenunterwäsche und das neueste Buch von Charlotte Link.