Spielen wir mal Bundestrainer

Nach dem Spiel ist es leicht, die Gründe für die Niederlage zu finden, da macht das Ausscheiden gegen eine clever spielende italienische Mannschaft keine Ausnahme. Es dauerte nicht lang, bis der Schuldige gefunden war, doch hatte der Bundesjogi einen Plan, der an sich gar nicht so schlecht war und deutlich macht, das nicht allein Jogi Schuld trägt, sondern die Spieler ebenso. Was dachte sich Jogi und was lief schief? Es sind wenige Punkte, die letztlich doch verblüffend einfach sind.

 

 

 

Jogi ist Podolski-Fan, das ist bekannt, und die Trainingseindrücke vom zukünftigen Gunner sind wichtig, von außen aber kaum einsehbar. Es ist ein altes Problem, dass die 80 Millionen Bundestrainer des Landes halt nicht in alle Details Einblick haben, einstudierte Abläufe nicht kennen – wie soll man auch? Man geht sicher nicht zu weit, Jogis Masterplan wie folgt zu beschreiben: nicht ganz so offensiv spielen, etwas zurückstehen, die Italiener auskontern. Wie bei der WM gegen England und Argentinien und da hat es ja bestens geklappt, wohlbemerkt mit Poldi, mit Schweini. Poldi ist schnell, Schweini hat eine klasse Übersicht, Lahm kann auch Pässe über 40 Meter schlagen, Badstuber und Hummels ebenso – vielleicht stand sogar dieser Aspekt, auf den der Doppelmeister BVB konsequent setzt, auf dem Spielplan. Da die Defensive der Italiener nicht mehr aus Maldinis und Cannavaros besteht, war Jogis Grundidee absolut richtig.

Toni Kroos auf Pirlo anzusetzen, war taktisch gesehen eine Abkehr vom bekannten Konzept („Wir passen uns nicht dem Gegner an“), doch das eigene Konzept starr beizubehalten, macht KEIN Trainer. Auch Jogi weiß sehr wohl, wo die individuellen Stärken und Schwächen der Spieler liegen, wen man wie am besten in Szene setzen kann. Kroos ist technisch beschlagen, spielt gern schnell, ist auch ohne Frage gut zu Fuß. Die Doppelfunktion (die zentrale Anspielstelle der Italiener zu neutralisieren und Impulse nach vorn zu geben) ist eine große Belastung für einen Spieler, er muss dafür absolut fit sein (das ist Kroos) und noch etwas unverbraucht (auch das ist Kroos).  Mit dem häufigen Wechsel in die Mitte, wird zudem Platz für die Außenbahn frei, Özil kann sich daher dem dichten Abwehrverbund entziehen, der lauffreudige Boateng zudem immer wieder weit nach vorn stoßen. Das Verschieben der Positionen und das Räumefreimachen ist ein taktischer Klassiker, vielfach von Erfolg gekrönt, somit also auch keine schlechte von Jogi.

Setzt man auf Konter, braucht man einen kraftvollen Stoßstürmer, der sich durchsetzt, einen harten Schuss hat, der schnell ist und „nicht lange fackelt“ – Gomez ist so ein Typ, hat in den letzten Jahren auf diese Art unzählige Tore geschossen. Ins taktische Grundkonzept passt er also deutlich besser als Klose, den Oldie im Team auf der Bank zu lassen, ist daher nur logisch.

Warum hat das Ganze nun aber nicht geklappt?
Individuelle Fehler sind das, was einen Trainer entnervt. Dieter Hecking hat es in seiner Zeit bei Nürnberg mal auf den Punkt gebracht: Im Training klappt alles wunderbar, die Spieler wissen Bescheid, der Coach erfüllt seine Aufgabe. Dann passiert im Spiel ein individueller Fehler und das ganze Konzept ist über den Haufen geworden, da kannst du als Trainer nichts machen. Boateng kann Cassano nicht stellen, Hummels ist zu weit auf der rechten Seiten, kriegt das italienische Schlitzohr auch nicht zu fassen, Lahm steht im Nirgendwo und Badstuber steigt gegen Balotelli nicht hoch – rumms, klatsch, 0:1. Lahm hebt das Abseits auf, kommt nicht hinterher, Balotelli trifft den Ball aus vollem Lauf an genau der winzigen Stelle, die den Schuss unhaltbar macht, rumms, klatsch, 0:2. In 99 von 100 Fällen wäre der Ball sonstwohin geflogen, mit 120 Sachen in die Tribüne – Glück und Pech gibt es eben auch im Spiel.
Erfahrung ist wichtig, der psychische Druck ist enorm hoch, für den Durchschnittsbürger kaum nachzuvollziehen. Man hat 90 Minuten lang ein Bewerbungsgespräch, bei dem es um alles geht, um Geld, Sicherheit, Verwirklichung eines Traumes, die Gegenüber sind unkooperativ, das Gespräch intensiv, zudem findet es in einer Sauna statt, man hat viele Konkurrenten. Eine heftige Sache. 100-Länderspiele-Poldi ist da einem 8-Länderspiele-Reuss durchaus vorzuziehen, ebenso Schweini einem Bender oder Gündogan, außerdem hat Jogi in den 4 Spiele zuvor ja bewiesen, dass seine Personalpolitik nicht von schlechten Eltern ist, bekam viel Lob, warum also einen anderen Weg beschreiten? Jogi ist nur ein Mensch, das Trainerteam besteht auch nur aus Menschen und die machen Fehler. Vor allem, wenn das Momentum ignoriert wird.
Auf Hummels statt Mertesacker zu setzen, verblüffte weite Teile der Medien, nicht nur für BVB-Fans war es aber eine Entscheidung, die logischer nicht hätte sein können, denn Merte ist außer Form, hat kaum gespielt, war lange verletzt und hat sich in den letzten Jahren nicht weiterentwickelt. Hummels hingegen ist komplett und der einzige Innenverteidiger von Weltklasseformat, ist zudem abgezockt und ruhig, trotz seiner jungen Jahre. Ein Goldenes Händchen zeigt Jogi nicht, sondern nur simpen Fußballgrundlagensachverstand.
Poldi hat in den Spielen kein bisschen überzeugen können und wäre er nicht ein mal richtig gestanden, so hätte er kein Tor erzielt und hätte womöglich seinen Platz verloren.
Schweini hat 3 Spiele rumgegurkt, aber gegen die Niederländer 2 tolle Pässe gespielt, die zu zwo Gomez-Toren führten. Das die Niederländer ungeordnet waren, die Passe an sich simpel und die Tore auch, wurde gern ausgeblendet. Solche Pässe hatte auch Müller (außer Form) oder Gündogan ohne Probleme spielen können, Klose und Reuss verwandeln. Das war keine Individualleistung, sondern „Soccer Basics“ wie der Engländer sagen würde. Schweini war außer Form, ist es noch immer, die Zeit war da, auf andere Spieler zu setzen, genutzt wurde die Chance nicht.
Kroos hat in seiner Nationalmannschaftskarriere nie auf der 6er Position überzeugen können, er ist ein 10er und da wurde er nicht eingesetzt. Warum Jogi und sein Team das noch nicht begriffen haben, ist verwunderlich.
Boateng ist kein Rechtsverteidiger, hier hätte man am beweglicheren, eher die Bälle erobernden Bender festhalten müssen.
Reuss und Schürrle können besser abschließen, da sie von links außen nach innen ziehen können, dadurch  mehr Torgefahr entwickeln. Bei Poldi klappt das seit über einem Jahr nicht mehr, hier würde sich auch in der Erfahrung verrannt, nicht das Momentum erkannt.
Nach dem 0:1 war klar, dass Gomez der falsche Spielertyp war, wie üblich tauchte er dann völlig ab, womit das dt. Team quasi einen Spieler weniger auf dem Platz hatte. Zusammen mit dem blassen, ja transparenten Poldi schon 2 Spieler weniger … aber das habe ich schon am 16. Juni beschrieben. Kroos und Schweini hätten sofort rausgemusst, Götze und Bender rein. Es hätte auf Dreierkette umgestellt werden müssen und Lahm als zusätzlichen def. Mittelfeldspieler in die Mitte rücken, als lauffreudiger Bewacher von Cassano und als Ballverteiler.

Gomez sagte nach dem Spiel, dass es ein fieses Jahr war, „4 mal richtig in die Fresse bekommen“ – korrekt! Nach 3 Vizetiteln ist man im Kopf nicht mehr frei, das geht nicht, kann nicht gehen. Müller hat sich die ganze Saison mehr oder weniger durchgeschleppt, Schweinsteiger konnte nur phasenweise überzeugen und erntete auch im Verein Kritik, statt Lahm auf rechts und Schmelzer auf links zu stellen, auf Poldi zu verzichten und Schürrle zu bringen, statt Schweini eine Auszeit zu geben und mehr Reuss und Götze einzusetzen, hat Löw bis auf das Griechenland-Spiel eigtl. mehr falsch als richtig gemacht. Das Richtige entstand durch Zwänge und damit gab er das Heft des Handelns aus der Hand, wurde zum Beifahrer, war nicht mehr der Lenker.

Was bleibt für die Zukunft? Die Frage, ob Jogi „der Richtige“ ist, muss gestellt werden. Fachliche Kompetenzen, Man-Management, Kommunikation und Taktik sind nicht das Problem, es sind die Entscheidungen, die Löw nicht fällt, die für Probleme sorgen. Er könnte ein Zeichen setzen, indem er für die anstehende WM-Quali und in Freundschaftsspielen das Personalkarussel kräftig rotieren lässt.

———————-Reuss———————-

–Schürrle ———- Özil ————- Götze–

———–Khedira —– Gündogan————

Schmelzer – Badstuber – Hummels – Lahm

———————-Neuer———————-

Als „Super-Subs“ dann L. & S. Bender sowie Klose – fertig! Großkreutz darf auch mal eingeladen werden, Poldi hingegen muss rausfliegen, auch weil er sich bei Arsenal nicht durchsetzen wird.

Trau Dich, Jogi!

JS für Orthy.de, C2012