Zombie ahoi!

Als George Romeros B-Movie „Dawn of the Dead“ anno 1978 die Zombiewelle auslöste, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass diese Welle auch über 30 Jahre später nicht wieder von der Leinwand verschwunden sein würde. Seither gab es dutzende, nein hunderte Zombiefilme, mal mehr mal weniger erfolgreich, mal mehr mal weniger „gut“.  Zombis scheinen auch 2012 noch sehr faszinierend zu sein, die TV-Serie „The Walking Dead“ zeigt dies eindrücklich. Doch stellt sich die Frage: Warum zum Teufel ist das so?

 

Das Horrorgenre ist kein neues, war es auch in den ’70ern schon nicht, Gruselgeschichten gab es schon lange zuvor. Mythen, also die Basis des Genres, sind so alt wie die Menschheit, basierend auf Göttern und Dämonen, Drachen, Wölfen und Werwölfen, Fledermäusen und Vampiren, stets begleitet von der uralte Frage, was eigentlich nach dem Tode kommt, sowie ihren grundweg unbefriedigenden Antworten lassen stets neue Blüten sprießen.  Die Hölle auf Erden als Heimat der Untoten ist da nur die logische Konsequenz. Handwerklich kreativ inszeniert, mit netten Spezialeffekten und viel Blut versehen – es darf gesplattert werden, es darf provoziert werden. Und wo immer ein neues Phänomen das Licht der Welt erblickt, ist Interpretationen Tür und Tor geöffnet: Bei Dawn of the Dead zieht es die Zombies ins große Kaufhaus,  hierin wurde gern eine Allegorie auf den Kapitalismus gesehen. Auch wurden die Untoten als eine Metapher auf die Unterpriviligierten betrachtet, der ungezügelten Gewalttätigkeit ihnen gegenüber eine Herrenmenschenidealogie unterstellt und irgendwo in den Untiefen des WWWs wird sicher auch jemand gezählt haben, wie viele Afroamerikaner sterben und wie viele eurasisch-kaukasische Protagonisten überleben, um dies als Symbol des modernen, doch schon etwas subversiveren Rassismus anzusehen. Man könnte jetzt natürlich sagen, dass die Zombies deswegen gen Kaufhaus zuckeln, weil es dort leckeres Menschenfleich gibt und dass ein Kaufhaus ob seiner strategisch-taktischen Lage und Ausstattung nun einmal ein guter Ort zum Verschanzen ist. Die Untoten als unterdrückte Unterpriviligierte anzusehen, zeugt von einem Menschenbild, welches Unterpriviligiertheit mit einer hirntechnischen Nulllinie gleichsetzt, was wiederum so klischeeüberladen und asozial ist, das wohl selbst ein Zombie nur den Kopf schütteln würde.

Was macht den Zombie im Kerne aus? Er ist nicht mehr bei Bewusstsein, schmerzunempfindlich,  braucht keinen Schlaf, ist motorisch stark  beschränkt und nur auf eines fixiert: Fressen. Fortpflanzung und Spaß kennt er nicht, Angst und Wut, auch die Liebe sind ihm fremd und schon deswegen kann ein Zombie keine wie auch immer geartete Kritik am Menschen darstellen, kein Seitenhieb auf die degenierende Gesellschaft. Dennoch sind Begriffe wie „Konsumzombie“ nicht gänzlich aus der Luft gegriffen, denn Konsum ersetzt die Nahrung, Konsum wird zur Nahrung, nichts anderes zählt mehr. Die Phänomene des auf einen Punkt fokussierten Handelns sind fast beliebig austauschbar, doch nie weit genug gegriffen, Hobbs‘ Leviathan und Agambens homo sacer sogar gänzlich fehl am Platz. Der Zombie ist kein Mensch mehr, er ist nicht einmal mehr ein Tier, denn auch dieses besitzt die innere Programmierung auf die Fortpflanzung. Zombies sind also keine Gefahr, vor allem nicht für eine hochtechnologisierte Zivilisation wie die Menschheit, dennoch, das ist stets und klar zu sehen, über“rennen“ Zombies Militäreinheiten und all deren Waffen (Flugzeuge, Panzer!), Logik ist out in der Märchenwelt und nichts anderes sind Zombies: sie sind Märchenfiguren des manifestierten Bösens, des Rücksichtslosens, des Widerwärtigens, aber eben auch das strohdumm, damit eine moderne Version eines naiven Gedanken, den schon die alten Naturreligionen überwunden hatten. Diese schrieben ihren natürlichen Feinden, den Raubtieren, nämlich stets auch eine gewisse Intelligenz zu, der Zombie hingegen ist eher ein bewegungsfähiger Backstein mit Zähnen, eine Raufasertapete mit Krallen, folglich ein dankbares Opfer für alle, die einen schnöden Baseballschläger schwingen können. Die beiden halboffiziellenFortsetzungen aus den ’80ern, Filme wie 28 Days Later und eben auch Frank Darabonts TV-Serie „The Walking Dead“ (seit 2010 auf AMC zu sehen) spielen also mit einer Unsinnigkeit und wie es sich für das interpretatorische Heute gehört, wird fröhlich spekuliert und hineingedeutet, dabei aber das Kernproblem übersehen.

Nun ist „The Walking Dead“ wahrlich keine „schlechte“ Serie, die Protagonisten sind keine stets und ständig saudumme Dinge tuenden Amerikaner wie bei „Falling Skies“ (TNT, seit 2011) oder noch schlimmer beim Remake der Serie „V – Die Besucher“ (2009, nach 2 Staffeln eingestellt),  sondern durchaus mitdenkende Zeitgenossen, doch schon während der 2. Staffel wird das Grundproblem klar: Um Zomies geht es nicht mehr wirklich, weil es um die Viecher einfach nicht mehr gehen kann. Die Zombie-Action nimmt Schritt für Schritt ab, außerhalb des Schutzzaunes der Ranch könnten auch Wölfe oder Löwen die Bedrohung darstellen, wobei diese Tierchen immerhin noch über den Zaun springen könnten. In den Vordergrund rücken peu à peu die Menschen und deren Probleme. Genau hier wird dann deutlich, dass die Zombies die beste Zeit hinter sich haben, sie dienen nur noch als Staffage, sind allein noch der Grund für hier und da und positiver Weise konsequent durchgezogene Splatter-Szenen, die auch liebenswerte Hauptdarsteller erleiden müssen, was einen Bruch einer gewissen Traditon, vor allem bei populären Serien, darstellt. Wie die Zombie das US-Militär ausschalten konnten, wie gerade Zivilisten überleben konnten, wieso gerade im Waffenland USA die Städte von Zombies und nicht von zerschossenen Zombiebergen geprägt sind, erklärt auch The Walking Dead nicht. Dafür gibt es Rückblenden für die mit voller Absicht eingebrachten Storylöcher, es gibt 0815-Gruppendynamikkonflikte (von wem ist das Baby?), hinterweltlerischen Glauben („Die [Zombies] sind doch nur krank, das kann man heilen.)“ und das erwartbare Überlebende-Gruppe-gegen-andere-überlebende-Gruppe-Szenario, welches ab Mitte der 2. Staffel neben der Frage, wer der Anführer der Gruppe ist, die dominante Rolle im Plot darstellt. Leider hat The Walking Dead die guten Ansätze schnell aufgegeben, die Welle der Entrüstung (v.a. in den USA) wäre groß gewesen, wenn man sich dem Thema Religion und Gott mal intensiv gewidmet hätte, wenn man die Darsteller nicht schon hunderte Male aufgezeigte Rollen gepresst hätte. Vom waffenliebenden Redneck-Außenseiter bis zum supi-integrierten Asiaten (ganz kreativ: ein Koreaner), vom „weisen“ Opa bis zum ehrenhaften, koordinierenden, bedächtigen Sheriff, vom adretten Landmädel bis zum knallharten Deputy, der auch noch genau so aussieht, wie sein Charakter ihn aussehen lassen soll, ist alles dabei. Ein Moslem aber fehlt, ebenso ein Atheist, der den Atheismus lebt, ein Akademiker, ein Tourist und ein Latino ebenso.  Der Quoten-Afroamerikaner aber ist natürlich an Bord, in einer Nebenrolle. Daily Soaps sind facettenreicher!

Bleibt sich The Walking Dead treu, ist nach der 3. Staffel das Ende gekommen, dann werden nämlich alle Darsteller tod sein, dem Zuschauer fehlen dann die integrativen Elemente und allein mit den Splatter-Szenen und der oberflächlichen Sozialstruktur wird er nicht mehr zufrieden zu stellen sein. Der Zuschauer ist ungeduldiger geworden und den Bogen so weit bei bei „Lost“ zu überspannen, traut sich heute kaum noch ein Sender – das ist, muss erlaubt sein zu sagen, durchaus lobenswert.

 

JS für Orthy.de, C2012