die große Woche der Realsatire

Unter der „Großen Woche“ verstehen viele das gründliche Reinigen und Putzen und Pflegen von Haushalt, Garten und dem Stück Straße, welches von Menschen betrampelt und Hunden vollgekotet wird.  Metaphorisch gesehen, kann man dies auch über die letzte Woche sagen, nur dass es hier keine Straße, sondern Logik und Menschenwürde war, die … na Sie wissen schon.

 

 

Montag Morgen steht Klaus Wowereit, abermals zum regierenden Bürgermeister Berlins gewählt, auf und denkt sich: „Demokratie ist toll! Ich mache nichts außer Schulden, knuddle aber tapfer 2 Millionen Berlinern und sage keiner Party ab, auf die man mich einläd, und werde dafür wiedergewählt!“
Montag Morgen stehen auch die Vertreter der Wahl-Sensation namens Die Piraten auf und denken sich: „Hey, nun sind wir im Senat, also machen wir erstmal das, was uns zur politischen Partei noch fehlt!“. Ein Programm? Nein, nicht doch! Theater! Um den Parteivorsitz, eine Doppelspitze, unabgesprochen, daher chaotisch und natürlich schlecht kommuniziert, denn wie sollte es auch anders sein, wenn Chef-Pirat Andreas Baum auf die Frage, ob er denn wisse, wie hoch die Schuldenlast Berlin sei, verdutzt in die Kameras sagt: „Ich weiß leider nicht genau, wie viele Millionen es sind …“. Er könnte die Last auch in Milliarden angeben, da ist die zu wissende Zahl auch kleiner, aber hey, die die Totenkopf-Grünen werden sich schon mausern, werden auch zu Schlipsträgern werden und dann genau wissen, wie viele Milliarden es sind. Das ist übrigens ganz wichtig, wichtiger sogar als einen Ausweg aus den Schulden zu finden.  Peter Zwegat kann ja nicht helfen, liegt aber nicht an RTL, sondern daran, dass Peter nur Zahlen kennt, die auch sein Publikum kennt und da hört es bei ein paar Tausend Euro eben auf.
Montag Morgen stehen sicher auch die FDP-Verlierer auf, schälen sich elegant wie immer aus ihrer Satinbettwäsche mit Genscher-Konterfei und fragen sich: „Sind die 1,8 % nur ein böser Traum? Wir sind doch die Guten, das geht doch nicht!“. Doch, das geht, sehr gut sogar, Hagen Rether wird den ganzen Montag mit einem Grinsen durch den Tag gewandert sein, welches so breit ist, dass man Urban Priol quer hineinlegen kann.

Apropos Geld: Auf der Herbsttagung von IWF und Weltbank fiel wieder viel Laub, die Hirne der „Wirtschaftsexperten“ produzieren ja nur Biomüll, anders ist es nicht zu erklären, dass er eine Dr. Dr. der Ökonomie einen harten Sparkurs fordert, der andere Dr. Dr. der Ökonomie aber eine keynianische Aktivierung fordert. Man diskutiert also darüber, ob der das zarte Pflänzchen der Möglichkeit mit einer Schaufel oder einem Hacke malträtiert werden soll – chapeau!

Angela Merkel steht im Bundestag und lässt Töne von sich, die einen seltsamen Satz bilden: „Deutschland geht es gut und das ist ein Grund zu Freude.“ Meint sie damit die 1,8 % der FDP? Dann hat sie Recht. Angesichts der Wahlbeteiligung des Superwahljahres 2011, des Unmuts über den Euro-Rettungsschirm, des Schuldenbergs und der Rekordzahl derer, die trotz Vollzeitjob nicht vom Arbeitseinkommen leben können, dürfte man der Frau aber auch ein gewisses Maß an Ignoranz und Realitätsferne unterstellen.

Politik ist die Quelle der Realsatire, das ist spätestens seit Ernennung Medwedews zum Staatschef, weil Putin nach zwei Amtsperioden nicht mehr Boss sein durfte, bekannt. Dass Putin im Hintergrund, öhm, nee, sogar im Vordergrund (!) weiterhin die Fäden zog, ist auch nichts neues, allein aber schon unfassbar, dass nun aber der Dmitrij den Wladimir als neuen Präsidenten vorschlägt, setzt dem ganzen Schauspiel die Krone auf. Die Marionette hat ihre Arbeit getan, ihr wurde geflüstert, dass der Marionettenspiel nun wieder selber auf die Bühne will, die Maionette nickt, die Bürger freuen sich – chapeau!

Der Fußballclub Hamburger Sportverein, ja liebe Leser, es geht wirklich um Sport, hält vor einer Woche noch zu seinem Chef-Coach Michi Oenning, trotz katastrophaler Serie an sieglosen Spielen (saisonübergreifend), um ihm dann doch den Laufpass zu geben. Interessiert Sie nicht? Wieso? Profisport ist Ablenkung erster Güte, Fußball sowieso! OK, ich gebe zu, es ist nur eine Überleitung, nämlich zr nächsten Ablenkung erster Güte: des Großinquisitors Besuch in der „Heimat“.

Papst Benedikt der Überflüssigste wurde vor Jahren von Norbert Lammert, Katholik, Politiker, Bundestagsvorsitzender, CDU, eingeladen, doch eine Rede vor dem Bundestag zu halten. Das allein ist schon feinste Dialektik, denn wenn in Arabistan und Ölranien ein Geistlicher vor einem Parlament spricht, schreit der Westen auf. In Deutschland aber darf der nicht demokratische Chef eines nicht demokratischen Landes, welches nicht säkular ist, kein menschliches Rechtssystem hat, eine halbe Stunde Wortblasen und Phrasenhülsen von sich geben – inhaltlich zum Vergessen, aber das kennt man ja von einer gewissen Frau Merkel.  Interessanter aber ist das Feedback, die Wünsche und Forderungen, das Medienecho also. Ein paar wenige Aufrechtige haben frühzeitig angekündigt, der Rede fernzubleiben, vll. auch weil sie damit beschäftigt waren, ihre Köpfe gegen die Wand zu schlagen, weil die Partei so blöd war, einen freundlichen Brief an Fidel zu schreiben, vll. aber auch, weil sie ein Zeichen setzen wollten, der zunehmenden Logikbekämpfung nicht tatenlos zuschauen zu wollen. Mit dem Fernbleiben aber funktioniert das nicht, man müsste schon kontruktive Kritik äußern, Aufkälärungsevents veranstalten und Strafanzeige gegen Rainer Wölki stellen, der Tage zuvor unterm Christenkreuz gegen die Abtreibung demonstrierte. Man könnte auch Radio Horeb die Sendelizenz entziehen oder aufs Grundgesetz pochen (da steht tatsächlich was von „säkular“ drin), aber das wäre wohl zu viel Aufwand. Gegen die Emotionen kommt man eh nicht an, so ging ein Jubelsturm am gestrigen Abend durch das Freiburger Messegelände, als B XVI sprach, dass er sich freue, nach Berlin und Erfurt nun in Freiburg zu sein. Die Politiker Deutschland, vor allem die der FDP, müssen sich gefragt haben, wie so etwas möglich ist. Einfach zu sagen, dass man sich freut, hier zu sein und dafür frenetische Jubel zu ernten – der Traum aller Politiker, der ganz reale Wahnsinn beim Papst.

Seit Bekanntwerden der unzähligen Missbrauchsskandale in der kath. Kirche Deutschlands wurde übrigens die unglaubgliche Zahl von 2 (zwei, two, deux, dwa, dos) Priestern ihres Amtes enthoben und aus der Kirche geschmissen, Wölki spricht offen in die Kameras, dass Homosexuelle „Verstoß gegen die Schöpfungsordnung“ seien und Wölkis Chef, also B XVI, eräwhnt mit keinem Wort die Missbrauchsfälle als institutionelles Problem, sondern freut sich lieber über den christlichen Widerstand in der DDR. Es freut sich also ein Unrechtsregime über die Bekämpfer eines anderen Unrechtsregimes und das ach-so-demokratische Regime samt seiner Bürgerlämmchen klatscht laut Beifall – chapeau!

 

JS für Orthy.de, C2011