Probleme, die ich auch gern haben würde

Bei einem gemütlichen Parkspaziergang am letzten Wochenende fiel mir eine moderne Bilderbuch-Teenagerin auf, die in einem Buch las – so ganz mochte ich meinen Augen nicht trauen, denn eine solche Tätigkeit, verübt von einer solchen Person ist mittlerweile recht selten zu verfolgen, noch seltsamer aber waren meine Gedankengänge, welche sich ad hoc aufdrängten. Liest Sie einen Ratgeber für Teenagerschwangerschaften? Gibt’s das neue iPhone jetzt in Buchform? Ist es die Autobiographie von Justin Bieber?

 

Ja, es läuft aktuell wieder einiges „dezent unrund“ auf diesem Planeten, die arbeitsfaulen Griechen bekommen weitere Milliarden geschenkt, Manuel Neuer ist zum Ruhrpottvaterlandsverräter mutiert, die FDP will ein altes Paket mit junger Haut bekleidet als Erneuerung verkaufen, 100-Stunden-Frische-Deos versagen schon nach 98 Stunden und kommende Nacht gibt’s eine Mondfinsternis, die dreister Weise erst drei Tage nach dem WGT stattfindet. Wo man hinschaut, geht es bergab, sogar so weit und so tief, dass man sich fragen muss, ob man nicht bald in Australien herauskommt  – und was ist mit den Aussis? Ragen deren Köpfe bald vor dem Kölner Dom empor?

Doch zurück zu der Teenagerin: ich persönlich fand ja schon in den ’80ern, dass Leggins einfach potthässlich sind, dass das Tragen dieser den Ballerinen der großen Bühnen überlassen sein sollte und dass ein kurzer Jeans“rock“ nur zu einem Hinterteil passt, welches nicht gerade die Form einer querliegenden Acht aufweist, aber was ist schon Mode? Na klar, Mode ist Lifestyle und Lifestyle ist omnipräsent. Da wird sich in Leserbriefen aufgeregt, dass der knapp 100 Euro teure Milchaufschäumer bei Magermilch miese Ergebnisse erbringt – wer bitte ist so degeneriert, sich einen Milchaufschäumer zu kaufen, der so viel kostet wie ein gescheites multitalentieres Küchengerät, so viel wie 50 Döner (für die Wessis unter den Lesern: 30 Döner), so viel wie die peruanische Putzfrau in einer Münchner Anwaltskanzlei oder die Summe, die man Philipp Rösler bezahlen muss, damit er mal nicht mit treudoofem Hundeblick in die Kamera lächelt?

In der StraBa sah ich kürzlich einen jungen Mann, der gerade ob der Tatsache, dass er nicht drei Arme hat, betrübt schien, denn in der einen Hand hielt er sein Handy, in der anderen den MP3-Player und verrückter Weise lag auf dem Schoß sein iPAD, welches er versuchte mit dem Ellenbogen zu bedienen – ich dachte mir spontan: „Hey, dem kann geholfen werden! Einfach seinen Kopf solange an das Fenster schlagen, bis er keine störenden Zähne mehr in der Kauleiste hat, dann klappt die Bedienung mit der Zunge sicher richtig gut, die ist schließlich deutlich sensitiver!“ Warum sorgt EHEC eigentlich nicht für spontane Mutationen? Was hat die Pharma-Industrie denn da wieder verbockt? Sollte man nach der Vogelgrippe-Pleite nicht gelernt haben, dass man gleich die Medizin auf den Markt bringen muss, also noch bevor der schlafmützige Deutsche kappiert, dass alles nicht mal halb so wild, sondern eher hundertstel so wild ist, dass täglich mehr Leute an Doppelkorn und Weinbrand sterben?
Des Dreiarmlosen bessere Hälfte war übrigens auch nicht glücklicher, man sah ihr förmlich an, dass es ihr nicht gefiel, hinter der Technik auf Platz 4 der Hitliste gefallen zu sein – lag es womöglich an ihren Leggins? Am Jeansrock? Oder schlicht an der Tatsache, dass sie mehr Ketten um den Hals trug als Kleidungsstücke am Leibe? Was passiert mit einem solchen Mädel wohl, wenn es in eine tiefe Pfütze fällt? Die spindeldürren Ärmchen wären wohl kaum in der Lage, den massiv behängten Hals samt Fortsatz über die Wasserlinie zu hieven – ein weiterer tragischer Unfall droht. Oder ist’s gar ein positiver Schlag ins Gesicht des Schicksals? Ich stelle mir gerade die Kinder vor, welche aus einer solchen Beziehung entschlüpfen würden – Deutschland schafft sich ab, nur braucht es hierfür keine Ausländer, das packt unser Land auch ganz allein! Es können ja nicht alle Wurfmaschinen wie Zensursula sein!

Hmm, da war doch noch was … achja, die Frage nach der Teenagerin im Park: auf meinem Rückweg saß diese noch immer auf der Parkbank, las noch immer im Buche der Wahl, hatte noch immer keine Gesellschaft von iPhone, iPad, iBlubb und iChat. Ich kam also nicht umher, Meister Maulwurf eine leckere Karotte als Aufwandsentschädigung für eine kleine Spionageaktion zu überlassen, welche er natürlich umgehend und dezent durchführte, er muss wohl ein Agent der StaSi gewesen sein, um mir sogleich Bericht zu erstatten. Noch wärend der Meister buddelte, regte sich in mir das zarte Pflänzchen der Hoffnung … „Empört Euch!“ (Stéphane Hessel), „Die Suppe lügt“ (Hans-Ulrich Grimm) oder „Europa vor dem Crash“ (Udo Ulfkotte) erschienen mir vor dem wunschbeladenen Auge, doch las das Mädel „Der geheime Code der Liebe -Entdecken Sie Ihr Beziehungs-Ich und finden Sie den richtigen Partner“ … tja, da war sie dann wieder verschwunden, die Hoffnung, in den Tiefen des Maulwurfsheims, bei Bohlen, Apple, Grinse-Rösler, Milchaufschäumer und Happy-Hamster, dem Haustierratgeber.

 

JS für Orthy.de, anno fatalis 2011