Guttenberg: causa ad acta?

Eine Universität ist ja eine Einrichtung, deren vornehmlicher Zweck es ist, Wissen zu vermitteln und Wissen zu schaffen – manchmal aber, abseits der üblichen Geldnot, der Rangeleien um Linien und Richtungen, kann eine Uni auch gänzlich überraschende Dinge hervorbeingen, im Falle Karl-Theodors eine Information, die jedem denkenden Menschen schon vorher bekannt war, die aber auch nicht-denkende Menschen gänzlich ignorieren. Das Phänomen Mensch ist ein wirklich höchstkomplexes!

 

Nach „abstrus“ und „vereinzelt nicht korrekt“ kam das „am Ende meiner Kräfte“ und „Schaden von der Bundeswehr abwenden“ – das Krisenmanagement von K.T. konnte peinlicher nicht sein, geradezu bilderbuchmäßig machte er alles „falsch“, was er nur falsch machen konnte, trat in jedes Fettnäpfen, welches sich ihm in den Weg stellte und selbst solche, die fernab lagen, wurden gekonnt angesteuert. Der Niedergang der Lichtgestalt, das Ende des Hoffnungsträgers, die Erdung des royalen Überfliegers – ach, es gibt so herrlich viele Floskeln, die man verwenden kann, aber nicht muss. Der Mensch muss so vieles nicht, er muss sich nicht einer der ältesten Ausreden bedienen, doch auch hier blieb sich K.T. treu: er sei familiär und beruflich überlastet gewesen und dies sei ganz maßgeblich für den großen Teil der Plagiate in seiner Doktorarbeit verantwortlich.

Beim Fußballstammtisch namens „Doppelpass“ auf dem TV-Sender „Sport1“ gibt es ein Phrasenschwein, welches mit drei Euro gefüttert werden muss, wenn einer der Gäste eine Phrase absondert. Für Politikerkreise wäre eine Adaption dieser ad-hoc-Strafe eine höchst sinnvolle Idee, spätestens sei dem eingeschwungen Doppelwipper von Strauß, welcher als Plattitüdenkönig in die Anahlen der Politgeschichte einging, stellt das Phrasenschwein sogar eine Möglichkeit dar, den Haushalt zu konsolidieren. Übertrieben? Nein! Bei jeder Sitzung des Bundestages würden Unsummen zusammenkommen, wenn eine jede Phrase, ganz beliebt z.B. bei philosophischen Themen wie Krieg und Frieden das legendäre „wir kämpfen für die Freiheit“, umgehend mit der Umverteilung der Diäten gen Staatssäckl geahndet werden würde. Zudem würde man Arbeitsplätze schaffen, denn neue Redenschreiber bräuchte das Land in Massen. Fiktion? Ja!

Nun interessiert sich die Uni Bayreuth für persönliche Belange eines Doktoranten natürlich nicht, warum auch? Es ist kein Spaziergang, es wird eine lange Zeit intensiver Arbeit vorausgesetzt. In der Untersuchung jedenfalls kam heraus, dass KT  „vorsetzlich gehandelt“ und dabei wissenschaftliche Standards „grob verletzt“ hat – quelle surprise!

Was hat K.T. eigentlich in den Jahren, in welchen er seine Doktorarbeit „schrieb“ beruflich gemacht? Er arbeitet auf mannigfaltige Weise für sich selbst: in der Forstverwaltung Guttenberg,  als Gesellschafter der  winzig kleinen Guttenberg GmbH (Jahresumsatz 25.000 Euro), bei der KT-Kapitalverwaltung und bis 2002 im Aufsichtsrat der Rhön-Klinikum-AG, welche kurz vor Guttenbergs Einstieg in die Poltik an die damals schon marode Hypovereinsbank verkauft wurde. K.T. war zudem Praktikant (er sebst nannte sich „freier Jounralist“) im Axel-Springer-Verlag und absolvierte diverse andere Praktika. Kurzum: er studierte und kümmte sich um sein Geld (und das der Familie). 2006 gab er seine Doktorarbeit ab, Anfang 2007 bestand er dann die finale mündliche Prüfung.
Soweit, so unspektakulär, doch sollte man sein politisches Engagement nicht vergessen: anno 2002 wurde er in den Kreistag Kulmbach sowie den Bundestag gewählt, ist zeitglich auch Mitglied der „Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik“ geworden, ebenso des „Aspen-Instituts“ und der „Atlantik-Brücke“, seit 2005 ist K.T. Vizepräsident der „Südosteuropa-Gesellschaft“ und Vorsitzender der „Deutsch-Britischen-Parlamentatiergruppe“ im Bundestag – das klingt doch schon „aufregender“, oder? De facto war K.T. also politisch sehr engagiert, tanzte auf vielen Hochzeiten, und wer sich ein wenig mit Parlamenten auskennt, weiß, dass es ein Knochenjob ist, der gern auch mal 18-Stunden-Tage fordert, wobei auch den Begriff des „freien Wochenendes“ zudem noch gänzlich zu einer Utopischer degradiert wird. Wie man unter diesen Umständen, zusätzlich zu Ehefrau und zwo Kindern, noch eine Doktorarbeit schreiben kann, bleibt eine offene Frage, denn Zeit konnte K.T. hierfür „eigentlich“ nicht haben – und wie man anhand des Berichts der Uni Bayreuth sieht, hatte er die Zeit auch ganz real nicht. Er hat sich also zu viel vorgenommen, K.T. hat sich überlastet, das ist ihm nicht vorzuwerfen, es ist menschlich, sogar ein wenig ehrenhaft, nur muss man eben auch die Frage stellen, wieso K.T. dennoch die Doktorarbeit in Angriff genommen hat und schließlich natürlich auch, warum er nicht eingesehen hat, dass es nicht funktionieren kann. Nun ist K.T. aber nicht auf den Kopf gefallen, er ist kein Marionette, kein unselbstständiger Mensch, daher kann man ihm ohne Frage unterstellen, dass er es eingesehen haben muss, dass die Belastung zu groß ist, dass auch seine Tage nur 24 Stunden aufweisen, wann hat er sich dann dazu entschieden, „vorsetzlich“ falsch zu handeln, also schlicht und einfach zu lügen? Wer forcierte seine Doktorarbeit? Wer machte Druck? Vom Wähler kann dies kaum gekommen sein und das stellt dann natürlich Frage in den Raum, wie  innerparteilich „gearbeitet“ wurde.

Ist man ein Mandatsträger, und sei es nur im Kreistag und in ein paar politische Organisationen, Gremien usw., so ist man dazu verdammt, seinen eigentlichen Beruf aufzugeben, man muss zum Vollzeitpolitiker werden – das hat sich im Falle K.T. wieder einmal gezeigt. Um so verwunderlicher ist es dann, wenn die FDP (wie im Leipziger Wahlkampf) „Politiker mit Beruf statt Berufspolitiker“ fordert – bei der „Babybauch-in-die-Kamera-halt„-Politikerin Silvana Koch-Mehrin hat es auch nicht geklappt, ihre Plagiatsaffäre hat sie zum Rückzug bewegt, was natürlich alle jene erfreut, die ob ihrer Warnung vor einem Europa der Öko-Terroisten bei der Europawahl 2009 zu Recht schockiert waren und die Koch-Mehrins seltenes Erscheinen im EU-Parlament infrage stellten. Die weithin recht unbekannte Veronika Saß, ihres Zeichens Tochter des legendären Edmund Stoiber, ist ihren Doktor-Titel mittlerweile auch los, ein 40 seitiges Plagiat forderte seinen Tribut.

Kommen wir zurück zur Quelle der Wissenschaft: die Uni Bayreuth entlastet sich selbst, Doktorvater Häberle und Zweitprüfer Streinz sei kein Vorwurf zu machen, dass die Plagiate nicht erkannt wurden. Warum die Doktorabeit mit der Bestnote versehen wurde, obwohl keine ausführliche Begründung geliefert wurde, vergrößert den faden Beigeschmack im Bereich der Professionalität der Uni Bayreuth jedoch ungemein. Man kann auf den Gedanken kommen, dass die Bestnote nicht vergeben wurde, weil es eine sehr gute Doktorarbeit gewesen ist.

Guttenbergs Bayreuth, Koch-Mehrins Heidelberg, Saß‘ Konstanz – alles samt sehr konservative Regionen Deutschlands, „alterehrwürdig“ würde der Traditionalist sagen, „korrupt“ der Systemkritiker. Ich urteile hierzu nicht, aber an „Zufälle“ mag ich dennoch nicht glauben. George W. Bush, welcher nicht unbedingfür seine außerordentliche Intelligenz bekannt ist, erlangte an der Elite-Uni Yale anno 1968 übrigens seinen Bachelor in Geschichte und an der Harvard-Business-School, keineswegs weniger elitär, wurde er 1975 zum Master of Business Administration gekürt – ein stattliche Leistung für einen Mann, der sich damit rühmt zu wissen, dass Menschen und Fische friedliche koexistieren können.

K.T. kandidiert übrigens auch diesmal wieder für einen Sitz im Kreistag in Kulmbach – Wetten, dass er im Bundestagswahlkampf 2013 in Bayern auf Tour gehen wird, werden übrigens nicht angenommen, denn für jeden Wettanbieter wäre es ein Verlustgeschäft. Weshalb der Beruf des Politiker einer der unangesehensten überhaupt ist, erklärt sich wohl von selbst. Sollte es, was nicht unwahrscheinlich ist, zu einer stark veränderten Sitzverteilung im Bundestag kommen, wird K.T. mit hoher Wahrscheinlich als einer der Hoffnungsträger für eine „neue Generation“ präsentiert werden, was früher einmal war, interessiert dann keinen mehr, der Mensch ist vergesslich, vor allem aber bereit zu vergeben, auch wenn es hierfür keinerlei Gründe gibt. Pippi Langstrumpf malte sich die Welt, wie sie ihr gefällt – Politiker sind allesamt Langstrümpfe, der gemeine Wähler ebenso, nur mit einem Hang zum Meckern versehen, ich nenne es einfach mal „mentale Laufmasche“.

 

JS für Orthy.de, C2011