Sideshow Heroes – eine Widmung an die unbesungenen Helden

Wer kennt sie nicht: die eigentlichen Helden einer Serie, eines Film oder einer Show? Gemeint sind nicht dumpfe Lakaien wie Manuel Andrack oder die diversen Sport-Maskottchen, sondern echte Helden, die eine Sendung aufwerten, sehenswert machen, sie gar retten … unser Mitgefühl gilt also jenen Darstellern, die auf Plaketen und in der Werbung fehlerhafter Weise ignoriert werden, nur am Rande stehen oder letztlich einfach nichts zu sagen haben.

 

 

Um eine wissentschaftlich überprüfbare Wertung vergeben zu können, muss natürlich eine präzise, umfassende wie auch vollkommen hieb- und stichfeste Formel gefunden werden. Diese lautet nach Jahren des Rechnens wie folgt:
SHP =(t:g) x q +h² + b) : p
Hierzu seien die einzelnen Variablen erläutert: t = Zeitspanne des Auftritts, g = Gag-Dichte, Q = durchschnittliche Witz-Qualität, H = Hammerbrüllermörderwitz, B = beste Szene, P = Punktabzug für Geschmacklosigkeiten (z.B. Klischees). Umfangreiche empirische Untersuchungen haben folgende Top10 ergeben:

 

Platz 10: Chewbacca

Das Star Wars-Universum ist nicht unbedingt ein Hort des Humors, umso erfreulicher ist es, dass Chewy es schaffte, die ganze düstere Seite aufzuhellen und mit wenigen Geräuschen absoluten Kultstatus zu erreichen. Er ist so etwas wie der Vater von South Parks „Timmäääh“ oder vomn „Duffman“ aus „Die Simpsons“. Diese Charaktäre bestehen nicht durch ausgefeilte Dialoge oder gar Wortwitz, sondern setzen ganz bewusst auf urzeitliche Laute und halten der ach-so-kommunikativen Spezies Mensch den simplifizierenden Spiegel der Erkenntnis vor. Hightlight: Erklärung der Lage binnen weniger Sekunden. Einen Abzug gibt’s für das Übermaß an Onomatopoesi, welches maßgeblich an der Schändung der Weltsprachen durch HipHop und Rap beteiligt ist.

SHP: 1,4

 

Platz 9: Herr Eidechs

Der sympathische Fernseh-Lehrer aus der Serie „Die Dinos“ führt wöchentlich neue spannende Experimente und wissenswerte Phänomene vor, ist dabei stets auf Sicherheit bedacht und führt dem Publikum immer vor Augen, wie gefährlich die Wissenschaft sein kann. Highlight: nur das eine, immer wieder, dem Vorrat an neuen Timmys sei dank. Einen Abzug gibt’s für den hohen Verbrauch an Jungdinos.

SHP: 2,8

 

 

Platz 8: Jefferson Darcy

Der nur auf sein gutes Aussehen setzende Faulenzer aus der Serie „eine schrecklich nette Familie“ könnte als Spiegelbild der optikzentrierten US-amerikanischen Gesellschaft angesehen werden – oder halt einfach als Schmarotzer, wenn es jedoch um Freundschaft geht, um Spaß am Leben, ist Jefferson engagiert und kreativ. Highlight: Besuch bei Fidel Castro. Abzüge gibt’s für die stets unkritische Relfexion seiner Handlungen und das extrem vage Darstellen seiner Biographie.

SHP: 3,6

 

 

Platz 7: Al Borland

Er ist, das darf man sagen, der Prototyp des Sideshow-Helden, denn Al ist gewissenhaft, zuverlässig, freundlich, hilfsbereit, ehrlich, zuvorkommend und dies trotz aller widriger Umstände, welche im Wesentlichen auf Tim Taylor, der Hauptfigur der Sitcom „Hör mal wer da hämmert“, zurückzuführen sind. Highlight: Das glaube ich nicht, Tim! Einen kleinen Abzug beim SHP gibt’s für die etwas zu geringe Anzahl an Technik-Nerd-Aktionen.

SHP: 4,7

 

 

Platz 6: Berta

Die Haushälterin aus der Sitcom „Two and a half man“ ist ruppig & vulgär, doch ist die einzige, die wirklich arbeitet, hat zudem ein erstaunliches Gespür für das knüppelharte Servieren von Wahrheiten, welche ihre degenerierten Mitstreiter nicht zu denken vermögen. Highlight: Das Wecken von Charlie. Abzüge gibt’s für ihre oftmals übers Ziel hinausschießenden Wortwahl.

SHP: 4,9

 

 

Platz 5: Paul Lassiter

Der zurückhaltende, unsichere, den Anti-Helden darstellenden Paul ist die sympathische, doch auch mitleiderregende Figur im Selbstdarstellerensemble der Sitcom Chaos City. Paul arbeitet im New Yorker Machtzentrum, hat aber nicht mal Macht über sich selbst und zeigt die Janusköpfigkeit der US-Politik bestens auf. Highlight: Essenseinladung. Auf Lacherfang wird er manchmal aus seiner Rolle hinauskatapultiert.

SHP: 5,5

 

 

Platz 4: Jayne Cobb

Es gibt ware SciFi-Perlen, leider wurde aber aus „Firefly“ kein großer Erfolg, Fox kuschte, Geld stand vor Qualität. Das ändert aber nichts daran, dass Jayne Cobb in der bunten Crew einen Klassiker spielen darf: der knallharte Kämpfer mit großem Herzem, hin- und hergerissen zwischen Ehre, Kampfeslust, Geld & Emotionen, versehen mit einer tollen Mimik und knackigen Sprüchen. Highlight: die ganze Episode „Jaynestown„. Einen Abzug gibt’s für die hier und da sexistische Aktionsweise.

SHP: 6,8

 

 

Platz 3: Tingeltangel Bob

Die gebürtige Sideshow von Krusty dem Clown mauserte sich schnell zum episodenbestimmenden Hauptcharakter, welcher durch Frisur und Füße schon optisch aufällt, durch seine Handlungen aber viel Tiefe bekommt: stets im Kampf gegen den medialen Stumpfsinn verfällt Bob dem Wahnsinn. Highlight: Harken-Szene aus der Episode „Cape Fear“. Einen Abzug gibt’s für seine leichte Affinität zur Tötung Barts (oder sollte man hierfür gar einen Bonus geben? Hmm, hält sich letztlich wohl die Waage).

SHP: 7,1

 

 

Platz 2: Waylon Smithers

Der liberale Assistent von Mr. Burns brilliert durch Wortwitz, soziales Engagement,  einem Herzen am rechten Fleck, eine unglaubliche Arbeitsrate und eine geniale Mimik. Die für einen Sideshow-Hero typische innere Unsicherheit ist bei W.S. perfekt inszeniert. Highlight: Biene im Auge. Abzüge gibt für die leicht klischeehafte Darstellung des homophilen Charakters.

SHP: 7,8

 

Platz 1: die politischen Parteien

Im Kampf der Religionen (Islam, Christentum, Kapitalismus) spielen die politischen Parteien nur eine Nebenrolle, welche allerdings umfassend ausgefüllt wird. Es gelingt den politischen Parteien regelmäßig, brilliante Comedy zu präsentieren und dies bei allen erdenklichen Themen. Sei es die Naturwissenschaft („Unsere Atomkraftwerke sind sicher.“), die Soziologie („Wir durfen uns in dieser Frage nicht auseinanderdividieren lassen“), die Philosophie („Das Damoklesschwert der Neuwahlen“), die Theologie („I trust God speaks through me. Without that, I couldn’t do my job.“), die  Geographie („Most imports are from outside of the country“), die Kriminologie („Wir wissen, dass bei den vielen Kunden, die es gibt, rund 80 Prozent die ganz normalen User des Internets sind. Und jeder, der jetzt zuhört, kann eigentlich sich selber fragen, wen kenne ich, der Sperren im Internet aktiv umgehen kann. Die müssen schon deutlich versierter sein. Das sind die 20 Prozent. Die sind zum Teil schwer Pädokriminelle.“), die Mathematik („„Also wenn ich jetzt hier von Millionen oder Milliarden rede, meine ich grundsätzlich immer Milliarden.“) bis hin zur Ökonomie („Die FDP ist nicht käuflich.“) und Juristerei („Wir sollten die Leistungsfähigkeit des Bundesnachrichtendienstes nicht durch parlamentarische Untersuchungsausschüsse gefährden.“) – die politischen Parteien stellen ohne Zweifel den Sideshow-Hero Nummero Uno dar. Wie bei allen unbesungenen Helden werden die Heldentaten anderen zugeschrieben – das grundsätzliche Dilemma wird nirgends so deutlich sichtbar wie hier. Einerseits wird dem Konsumenten die Wahrheit erzählt („Die Politiker in Deutschland stehen zur Zeit in einem großen Verdrängungswettbewerb. Allerdings nicht untereinander – sie verdrängen gemeinsam die Realität.“), warnen sogar („Es ist ein Unterschied, ob man sich auf die Politik freut oder auf ein Amt.“), andererseits sind die Mahlsteine bei der großen Show namens „Leben“ doch übermächtig. Einen Abzug gibt es für das permanente Übertreiben in Sachen Macht.

SHP: 9,9

 

JS für Orthy.de, C2011