Plagiate und Verlierer

Während es bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg ja quasi nur Gewinner gab, schaut es bei dem Plagiatsskandal rund um „Copykarl zu Googleberg“ etwas anders aus – und dies ist ein sehr ungutes Zeichen für die allgemeine politische Lage und das generelle politische System. Geschichte wiederholt sich, unsinnige Betrachtungen und Publizitätsgier prägen das Bild, die Medien bekleckern sich nicht mit Ruhm, die Opposition genau so wenig, am allermeisten aber natürlich der „Strg+C“-Minister.

 

K. T. zu Guttenberg hat es nicht leicht, wieso auch? Er ist Politiker, Spitzenpolitiker sogar – da steht man im Fokus der Medien, das Amt des Verteidigungsministers hat bis dato noch jedem Politiker „geschadet“, da kann man noch so jung und dynamisch sein. Wenn man dann auch noch persönliche Fehler macht, wird es doppelt schwer.

Halten wir fest: zG reagierte wie üblich für einen Spitzenpolitiker auf die ersten Vorwürfe, das Wörtchen „abstrus“ könnte durchaus zum Unwort des Jahres werden. Ob er tatschlich glaubte, er könne den Skandal frühzeitig im Keime ersticken, bleibt mal dahingestellt, aber mal eben nach Afghanistan zu flüchten, sich danach mit der Kanzlerin zu einem persönlichen Gespräch zu treffen, die Sprecher vorzuschicken und Scheibchenweise die Fehler einzugestehen, ist nicht das, was man unter einem guten Krisenmanagement versteht. Erst wollte zG nur freiwillig und „vorübergehend, ich betone vorrübergehend“ auf seinen Doktortitel verzichten, doch schon da musste ihm klar sein, dass ihm die Doktorwürde aberkannt werden würde, denn er wusste sehr wohl, was der da geschrieben hatte. Es handelt sich nicht um einen Fehler oder ein paar Ungenauigkeiten, sondern um einen systematischen Betrug. Er hat sein Wort gebrochen, am Ende einer solchen Arbeit, wie auch bei Haus-, Magister- und Diplomarbeit unterschreibt man nämlich eine Eigenständigkeitserklärung, diese ist nicht nur wissenschaftlich, sondern auch „moralisch“ enorm wichtig, denn eine solche Abeit ist kein „kurz beim Nachbarn spicken“ in einer Klassenarbeit in der 6. Klasse, sondern ein großes Werk, welches mit viel Arbeit (Schreib- UND Denkleistung) verbunden ist, welches letztlich auszeigen soll, dass man wissenschaftlich arbeiten kann, in seinem Studium etwas gelernt hat, v.a. wenn man Jurist ist oder sein will. Weil aber mittlerweile die Skepsis im Volke gegenüber der Wissenschaft recht groß ist, dies liegt nicht nur an der erfolgreichen Anti-Kirchhof-Kampange („der Professor“) von Gerhard Schröder, sondern auch am Unverständnis und Unwissen der Bürger. zG ist das Paradebeispiel für einen Charismatiker, welcher in der Mediokratie von Heute so schmerzvoll unumgänglich zu sein scheint, welcher das darstellt, was der Bürger will, nämliche klassische Werte wie Ehrlichkeit, Ehre, Vertrauenswürdigkeit und für das romantische Herz noch ein bisschen Glamour obendrein. Ideal für die BILD, ganz schlecht für die Opposition, denn die konnte zG keinen Kratzer in den Lack machen. Nun aber, wo sich endgültig herausstellte, dass die Doktorarbeit des zG so gar nicht den Maßstäben entspricht, die Uni Bayreuth dies auch klar so darstellte, wird abermals und mit Nachdruck der Rücktritt des Selbstverteidigungsministers gefordert – wie schon vom ersten Tage an. Auf die Idee der ehrenvollen Taktik, doch die ganze Sache erstmal in Ruhe zu klären, kamen weder SPD noch LINKE noch Grüne, es wurde gleich ins große Rücktrittshorn geblasen – ein guter politischer Stil ist was anderes. So recht gewinnen kann die Opposition in den Umfragen und auf den Beliebtheitsskalen nicht, dem Bürger passt das Gebahren halt nicht.

Das Werbe-Video mit zG ist von der Seite der Uni Bayreuth mittlerweile entfernt, noch hält sich die Kritik an der Uni in Grenzen, doch geht es mir nicht in den Kopf, wie eine de facto zusammenkopierte Doktorarbeit mit summa cum laude benotet werden konnte. Wie wurde da geprüft? Wurde überhaupt geprüft? Die Uni Bayreith hat einen herben Vertrauensverlust erlitten, schlimmer aber noch: dies gilt für die ganze wissenschaftliche Sphäre. Einem Doktor wurde seit Urzeiten ein großer Vertrauensvorschuss gegeben, landläufig werden zwar seit Dekaden die Studenten immer negativer betrachtet, den „faulen Studenten“ gibt’s spätestens seit den ’70ern, nicht aber die Absolventen, die genossen bisher noch viel Ansehen, außer natürlich von den Abermillionen Neidern in der Republik. Eine Institution, eine zukunftsweisende Einrichtung nimmt Schaden, einen strukturellen – ob zG dies bedenkt?

Wie steht’s um die Bürger im Lande? Enttäuschung macht sich breit, aber auch Igoranz. Die Neider spalten sich in zwo Lager: die einen, die für ihre Arbeit hart arbeiteten, aber nicht einen solchen Erfolg wie zG haben, wüten vor sich hin und jene, die eine Uni sowieso nur für die Produktionsstätte von Wasserköpfen halten, sehen sich bestätigt. zG gelingt es (noch!) von seinem Status zu profitieren, er war und ist schließlich Deutschlands beliebtester Politiker und nur deshalb klammert er sich (noch!) erfolgreich an sein Amt. Er sprach von Demut, er entschuldigte sich, wirkte dabei erstmals so richtig fahrig, doch sein Lächeln verlor er nicht, es wirkte auf das kritische Auge, als fühle er sich gar nicht wirklich schuldig, allein die Aufdeckung schien in massiv zu stören. Was ist zG für ein Mensch? Machtbewusst? Natürlich! Ein Selbstdarsteller? Natürlich. Er ist eben ein Politiker moderner Prägung, das unterscheidet ihn kein Stück von seinen Kollegen, nicht er allein ist verbrüdert mit BILD und Co., es ist zwingend notwendig in der heutigen Zeit, so sehr man dies auch bedauern mag und so sehr man hierbei auch Recht hat.

Weiß zG was in den nächten Monaten auf ihn zukommt? Weiß er, wie er in Ausschüssen und Gremien, bei Parlamentssitzungen, Debatten, bei öffentlichen Auftritten und im Wahlkampf betrachtet werden wird? In der aktuellen Fragestunde ging es schon hoch her, die Ordnung im Parlament war verlustig gegangen, Zwischenrufe wie „Betrüger!“ und „Lügner“ oder auch „Hochstapler“ wurden nicht geahndet, es ging für deutsche Verhältnisse regelrecht chaotisch zu, etwas Derartiges war seit Strauß gegen Wehner nimmer zu betrachten – die artikulierte Wahrheit im höchsten Parlament – unglaublich! Brandt nahm damals seinen Hut, weil er vorrausschaudend war, Margot Käßmann ebenso, beide warteten nicht bis zum letzten Tage, an welchem auch der letzte Getreue die Gefolgschaft verweigerte. Das muss zG nicht so machen, Kohl hat schließlich auch alles ausgesessen, Cem Özdemir ließ Gras über seine Affäre wachsen, kam dann wieder, Schäuble trat zurück, ist jetzt auch wieder Bundesminister – die zweite Chance bekommt man so und so, egal was man angestellt hat.

In der Politik, ganz besonders im Superwahl, gelten keine arbeitsrechtlichen Normen, auch keine moralischen, zu jedem Pro gibt’s ein Contra und wenn nicht, wird eines erschaffen. Es geht um Vertrauen und Ansehen, also um nichts weiter als Macht – und Macht macht erfinderisch, korrupt, selbstverliebt, sie schränkt die Wahrnehmung ein, schaltet Ohren auf taub. Bosbach freute sich bei Maybrit Illner über zGs weiterhin tolle Sympathiewerte und sah hierin den Lohn für die gute Arbeit, für das Krisenmanagement und natürlich auch den Grund, weiter an zG festzuhalten.  Ich sehe in den Werten etwas anderes: die Bürger wissen, dass sie keinen ehrlichen Politiker bekommen können, einen, der hält, was er verspricht, der an sich die gleichen Maßstäbe anwendet wie solche, die er von anderen fordert, und genau deshalb zG nicht über die Klingen springen lässt, weil eben ein Doktortitel nichts mit dem Amt des Verteidigungsministers zu tun hat. Dass der Bürger nicht weiterdenkt, dass der Bürger Lügen nicht bestraft, treudoof die Adelsfahne schwingt und die BILD kauft, sich über Meckerer aufregt, diese dann sogar bestraft, ist kein Wunder, schließlich ist auch er nicht ohne Sünde und hat genau so wenig Weitblick wie Politiker.

Zu Guttenberg wird fallen, wenn sich herausstellt, dass die Bundeswehrreform nicht mit Einsparungen in Höhe von 8 Milliarden Euro einhergeht, wenn die CDU/CSU mitbekommt, dass zG für den Wahlkampf (v.a in BaWü) kontraproduktiv ist, wenn sich herausstellen sollte, dass der Wissenschaftliche Dienst amtsmissbräuchlich genutzt wurde und wenn die Kanzlerin erkennt, dass zG weiterhin ihr größter Konkurrent ist.

 

Dr. J.S. für Orthy.de, C2011