Computer im Wandel des Jahrzehnts (Update 2)

Computerphilosophie oder die soziale Frage

Und nun sind wir über technische und soziale „Trends“ zu einem Punkt gelangt, den ich persönlich den Big-Bang der Computerevolution getauft habe. Jener Punkt, an welchem sich die Integration der IT in unseren Alltag nicht mehr aufhalten ließ und so tiefgreifend ist, dass wir nicht einmal mehr merken, wie unser Alltag hierdurch bestimmt wird.
Jedes Auto, jeder Fernseher, jeder BlueRay-Player, Festplattenrekorder, Mobiltelefon oder Spielekonsole laufen heute mit Software, die weit mehr bietet, als die „dedizierten“ Geräte noch von vor 10 Jahren.
Damals waren Navis beim Auto noch so exotisch wie große blaue Männchen in 3D. Mal im Ernst, die Typen in Avatar sehen doch aus, als ob Orlando Bloom Sex mit Schlumpfine hatte…
Damals predigten wir den PC als Multifunktionsgerät und Steuerzentrale im Haushalt. Damit lagen wir nicht weit daneben. In jedem Gerät steckt ein kleiner PC. Das Internet begegnet uns als Funktionalität von Computer, Fernseher, Videogerät und Telefon. Die Funktionen Arbeit, Unterhaltung und Kommunikation verschmelzen und unterscheiden sich nur noch in Baugröße und Art des Erlebens. Avatar auf dem iPhone in Zigarettenschachtelgröße in der S-Bahn ist ebenso möglich, wie mit einem HD-Projektor auf einer 4 mal 2 Meter-Wand und mit einem HD-LCD-Fernseher vielleicht auch noch in 3D, auf Kopfhörern oder in 7.1 Surroundsound.
Die flexible Erreichbarkeit, die uns vor 15 Jahren erstmals Handys offerierten, das kurze „Statusupdate“ durch SMS verstohlen unter der Schulbank mündet nun in einem Breitband- Seelenstrip via UMTS.
Das von Jobs prophezeite „Ende des PC“ ist, welch schönes Wort, multifaktoriell.
Zum einen kann man mit dem PC, aufgrund seiner geringen Mobilität nicht mehr das moderne Credo von flexibler Erreichbarkeit erfüllen. Man ist überall erreichbar, man erreicht überall jeden. Zum Anderen bietet er als „monolithische Datenstation“ nicht die Möglichkeit von überall aus zu „Arbeiten“.
Ein iPhone „unterstützt“ seine Anwender nicht nur in unendlichen Wegen der Kommunikation, sondern verändert auch das Verhalten bei der Informationsbeschaffung. Für jede Art von Information und Zerstreuung gibt es eine App.
Allgemein kann man also sagen, die „Daten“, seien es Arbeitsdaten, Filme, Musik, Informationen etc. „lösen“ sich vom Endgerät. Ein weiterer Meilenstein in dieser Richtung ist bspw. HTML5, welches die Möglichkeiten bietet, mediale Inhalte (Streaming) so einzubinden, dass selbst der Programmierer eine Website sich keine Gedanken machen muss, mit welcher Bandbreite und auf welchem Gerät diese abgerufen werden. Das kaspern Client- und Serversoftware untereinander aus.
Die zentralen Fragen der nächsten 10 Jahre werden für mich daher nicht mehr die Fragen nach Leistung und Verfügbarkeit sein, sondern:

  1. Stehen uns überall unsere Daten zur Verfügung, oder stehen wir den Daten zur Verfügung? Ist der Mensch und seine Gesellschaft überhaupt für die universelle Verfügbarkeit geschaffen? Kehrt sich der Luxus der universellen Verfügbarkeit von Kommunikation und Daten um, hin zum Luxus der Ruheinsel der „Nichtverfügbarkeit“, den sich nur noch die ganz Reichen leisten können?
  2. Wird es eine staatliche Gewalt geben, welche mit fairen Mitteln in der Lage ist, uns und unsere Daten auch auf gesellschaftlicher Ebene zu schützen? Wird sich eine Politik durchsetzen, welche die moderne Kommunikation nicht nur als ein Netzwerk von Kinderschändern und Terroristen sieht, sondern auch erkennt dass das elektronische „kommunizieren“ ein integrer Bestandteil unserer Kultur ist – dass Kultur und Kommunikation einander bedingen? Dass das Internet ein Bereich ist, in welchem nicht die Grundrechte eines einzelnen, sondern JEDES einzelnen geschützt und nicht bezweifelt werden müssen?
  3. Bringt uns die hohe Verfügbarkeit von Informationen tatsächlich einen Vorteil, oder macht es uns zu unselbständigen Zombies einer Gesellschaft, die sich sogar völlig außerstande sieht, einen einfachen Busfahrplan zu lesen, wenn dieser nicht in einer App läuft? Kurz: Werden wir, unterstützt durch Geräte und Applikationen, unselbständiger, oder verlagern sich einfach unsere Kompetenzen?

Computerspiele und virtuelle Realitäten haben für mich kaum noch ernste Relevanz. Der Zocker des ersten Jahrzehnts zog sich in virtuelle Welten eines World-of-Warcraft zurück, In 10 Jahren wird sich der Mensch in die Realität zurückziehen müssen.
Die Diskussion um Sinn und Zweck von Computerspielen wird ein Ende finden, weil Pädagogen begreifen werden und auch müssen, dass Kinder nur so den Zugang zu einem Leben finden, welches von elektronisch gespeicherten Daten elementar abhängig ist.
Sollte sich also unsere Welt in der nächsten Dekade nicht grundlegend Ändern, muss das Grundgesetz um ein weiteres Grundbedürfnis erweitert werden – die „Datenfreiheit“, denn ohne diese geht es nicht.
Aktuell bauen Industrie und Staat dies jedoch als Machtinstrument universeller Kontrolle auf.

Fazit

Was hat sich also in 10 Jahren Orthy.de geändert? An sich nichts, was wir nicht schon vor 10 Jahren geahnt hätten. Komplettsysteme aus dem Supermarkt sind nach wie vor, nun sagen wir einmal „Lösungen für Kompromissbereite“.
Highend-Computer fressen weiterhin sinnlos mehr Strom, während der Midrange-Computer immer mehr Bedürfnisse befriedigen kann und dabei sogar im Stromverbrauch besser ist. Wer nur surfen, Mailen ein bisschen Videogucken und Musikhören will, der kauft sich entweder einen Nettop oder anderes „Kleinstsystem“ für 300 bis 400 Euro. Wer zocken will dazu eine Xbox360 oder PS3. Mit 600 bis 700 Euro ist man hiermit preiswerter und besser bedient, denn echte Zockermaschinen kosten mehr. Frisst ein „Kleiner“ unter Volllast so um die 200 Watt, nimmt sich ein richtig großer diese bereits im „gemächlichen Lauf“. Verbräuche bis 600 Watt sind längst keine Seltenheit mehr.
Der Trend weg vom Highend hängt aber nicht nur mit der ausreichenden Leistung der Mittelklasse zusammen, sondern auch mit dem, was man tun möchte und dem „Wie“. Man kann und will nun auch unterwegs „Online“ sein – arbeiten, spielen, glotzen … Twittern. Das fällt dem Desktop-PC gleich in zweierlei Hinsicht auf die Füße.
Zum Einen sind Computer gerade im mobilen Bereich erschwinglich geworden. 300 Euro für ein Netbook oder ein Smartphone machen das mobile Surfen möglich und Preiswert. UMTS-Datenflatrates für 25 Euro dazu und alles „passt“. Vor 10 Jahren war das denkbar, aber noch unmöglich.
Zum anderen hat sich außer der Leistungsspitzen ergonomisch am Highend-PC in den letzten Jahren herzlich wenig getan. Er bleibt ein Endgerät für Enthusiasten, Hardcore-Zocker und –Schrauber und für diese Randgruppe, welche meint, die Leistung wirklich zu brauchen.
Erfreulich wenig hat sich bei der Software getan – merkwürdigerweise gelten da bis heute die alten Spielregeln gelten. Windows ist böse, Linux ist gut aber unfertig und MacOS… ist von Apple. Bei Spielen gibt es nach wie vor mehr gute Aufgüsse, als gute Innovationen und es gibt zu vielen Dingen des täglichen Bedarfs gute Freeware und OpenSource-Alternativen. Man muss nur wollen!
Mobil ist der Durschnitt heute „Smart“(Phone) unterwegs. iPhone natürlich bevorzugt. Auch Notebooks und für genügsame und sparsame Naturen das „Netbook“ haben sich etabliert.
Familienalben liegen bei Facebook oder Flickr, Anwendungen in der „Cloud“. Für Telefonauskunft, Fahrplan, Navigation, Sehenswürdigkeiten usw. gibt es eine App.
Wohin die technische Reise geht war noch nie klarer als heute. Unklar ist, wie Gesellschaft und Politik auf dieser Reise mitziehen. Aktuell ist der Trend klar, die Kommunikation einzuschränken und stärker zu überwachen (Bundestrojaner, Regierungs-Firewall, Vorratsdatenspeicherung…), doch es ist sicher nicht der richtige Weg, windigen Anwaltskanzleien die Kontrolle über Recht und Ordnung in der schönen neuen Datenwelt zu überlassen.

Wird spannend und darum bleiben wir „dabei“
PCO(2010)

 

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