Orthys Fotoguide – Teil 1: Grundbegriffe

Raumverkürzung

Einfach mal eine bildliche Vorstellung: Du willst eine Nahaufnahme eines Menschen rund 20 Meter vor dem Brandenburger Tor machen und hast ein Standard-Zoom mit (bspw. 18-55mm). Du hast zwei Möglichkeiten:

  • Du gehst nah an den Menschen heran und fotografierst bei kurzer Brennweite 18mm. Doch dann ist das Tor irgendwie nicht ganz „drauf“
  • Du gehst also zurück zurück zurück, bis Du bei 18mm das ganze Tor siehst. Aber je weiter Du zurück gehst, desto kleiner wird auch das Tor. Also winkst Du den Menschen wieder näher heran.

Der erste Gedanke: „Es gibt keinen Unterschied“, doch den gibt es sehrwohl! Zoomst Du heran, scheint auch der Hintergrund „Näher“ an dem Menschen. Das ist ein eigentlich sehr einfacher optischer Effekt, der dem Menschen nur sehr ungewöhnlich vorkommt, da das menschliche Auge zum Zoomen schlicht nicht fähig ist.

Vereinfacht ausgedrückt musst Du beim Zoomen den Bildbereich je weiter Du weggehst proportional verkleinern. Entsprechend wird auch der Ausschnitt der im Hintergrund liegenden Objekte immer kleiner, wodurch sie „näher“ wirken, obwohl sich am Abstand zum Menschen, den Du fotografieren willst, nicht verändert.

Bedeutet, je stärker Du „zoomst“, desto kürzer wirken die Distanzen vom Vordergrund zum Hintergrund.

Autofokus (AF) oder: Wie fokussiert meine Kamera?

Man unterscheided grundsätzlich zwei Autofokus (AF)-Modi (nein, nicht manuell und automatisch, ich gehe davon aus, dass das jedem bewusst ist), sondern aktiven und passiven AF.

Am verbreitetsten ist hier der passive-AF-Modus.

Hierbei gibt es zwei Funktionsprinzipien. Der Phasenvergleich funktioniert auf Basis von „Triangulation“, sprich die Ermittlung der Objektentfernung, indem mindestens zwei Sensoren durch die gleiche Linse „blickend“ das scharfzustellende Objekt „anpeilen“. Ist die Phasenlänge des Auftreffenden Lichtes beider Sensoren identisch, ist das Bild scharf. Diese Verfahren ist kompliziert und relativ teuer, dafür aber schnell und sehr genau und findet deshalb bei Spiegelreflex- und Bridgekameras häufig Einsatz. In Kompaktkameras ist diese Verfahren eher den“Exoten“ vorbehalten.

Viel geläufiger ist die Kontrastmessung. Ist der Kontrast eines Bildes maximal, ist das Bild scharf. Diese einfache Grundannahme führt dazu, dass man einfach zwei Bilder miteinander vergleicht, das mit dem höheren Kontrast ist das schärfere. Nun weiss man in welche Richtung man den Fokus verschieben muss, damit es schärfer wird und dank einacher Extrapolation kann man den nächsten Messpunkt auch „raten“. So „schwingt“ man sich um den Fokuspunkt ein. Dieses Verfahren ist rechenaufwändig und ungenauer als der Phasenvergleich. Es ist deutlich langsamer, da der Phasenvergleich permanent und jederzeit ausgeführt werden kann, die Neufokussierung bei Kontrastmessung jedoch immer eine neue Messreihe anstößt. Doch sie ist einfacher „in Elektronik“ zu realisieren, da sie kaum weitere Komponenten benötigt und daher in Kompaktkameras Gang und Gebe.

Beim aktiven-AF wird ein Infrarotstrahl ausgesendet und so der Abstand zum Objekt gemessen. Diese Methode ist sehr präzise und funktioniert auch gut im Dunkeln, wo die passive Methode versagt. Die Methode verfehlt jedoch ihr Ziel ist bspw. eine Glassscheibe zwischen Kamera und dem Objekt der Begierde.

Arten von Objektiven

Festbrennweitenobjektive

Mit Festbrennweitenobjektiv (FB-Objektive) wird ein Objektiv bezeichnet, bei welchem sich konstruktionsbedingt nicht zoomen lässt. Es ist in der Lage innerhalb einer bestimmten Brennweite „scharf“ zu stellen. Der Schärfebereich wird über die Blende reguliert. Da solche Objektive wesentlich einfacher gebaut sind, als Zoomobjektive, sind sie meist preiswerter. Die Einfachheit ihres Linsensystems sorgt ebenfalls dafür, dass diese Objektive die Nachteile von komplexeren Objektiven nicht haben, bzw. diese viel besser kompensieren können. FB-Objektive sind meist deutlich schärfer und lichtstärker, als Zooms. Dazu später noch einmal.

Weitwinkelobjektive

Weitwinkelobjektive (WW-Objektive) verbreitern das Sichtfeld auf „unnatürliche Weise“. Das Sichtfeld von Objektiven ist dem Sichtfeld des Menschen „nachempfunden“. wird es größer gewählt, spricht man vom Weitwinkelbereich. Auch das hat Vor- und Nachteile. Das hat den Vorteil, man bekommt mehr „drauf“ auf das Bild. Gebäude und Landschaften wirken herrlich monumental durch Weitwinkel, doch es kommt zu Verzerrungen (Eine Art Wölbung, die aber bei WW-Aufnahmen normal ist). Zum Thema Objektiv-Winkel ebenso später erneut.

Zoomobjektive

Zoomobjektive können innerhalb eines bestimmten Bereiches den „Fokus verschieben“. Der Zoombereich. Normale Zooms gehen bspw. bei Canon von 18 bis 55 Milimeter, alles darüber wird bereits als Superzoom oder Telebereich gekennzeichnet. 28mm entspräche also 1-Fach (gar kein) Zoom,55mm demnach 2x-Zoom. 18mm wäre also im Weitwinkelbereich.
Das hat natürlich den Vorteil, dass man das Objekt „ran“ holen kann. Es hat aber auch einige empfindliche Nachteile. Stark gezoomt, ist das Bild sehr verwacklungsempfindlich, was über eingebaute Stabilisatoren kompensiert werden soll. Meist leidet auch die Gesamtschärfe, sowie die Vignettierung („Tonneneffekt“).
Da Zoomobjektive sehr komplexe Linsenkonstruktionen sind, sind sie oft sehr teuer, bzw. im unteren Preissegment muss man meist untragbare Abstriche machen, was die Qualität der Bilder und des Objektivs an sich angeht. Aber man kann natürlich auch bei einem Billig-Zoom Glück haben und eine gute „Scherbe“ erwischen.

Superzooms

Als Modebegriff für Objektive mit sehr weit gestecktem Brennweitenbereich haben sich Superzooms eingedeutscht. Die sogenannten „Suppenzooms“ (dazu später mehr) reichen von Ihrer Brennweite her bspw. von 50 bis 200mm oder mehr. Das ist schon recht enorm, birgt aber auch große Nachteile, welche sich nur mit viel Fertigungssorgfalt wett machen lassen. Das spiegelt sich dann klar im Preis wieder. Die Spreu vom Weizen trennt sich endgültig, wenn ein Objektiv sich anmaßt vom Weitwinkel bis in den Tele-Bereich gute Bilder zu machen. Bspw. Canons 18-200mm. Die Tests dieses Objektivs spricht Bände. Am unteren Ende (Weitwinkel) gibt es Verzerrungen und Verzeichnungen (CA, Vignettierung…), am langen Ende dann einen „Tonneneffekt“ (Vignette) und die Schärfe lässt stark nach. Der Todesstoß ist dann, dass diese Objektive meist keine besondes niedrigen Blendenzahlen zulassen und damit nicht sonderlich „Lichtstark“ sind.

Beschriftung von Objektiven

Um nun oben angesprochene Werte auf einem Objektiv abzulesen, muss man schon genau drauf schauen. Leider unterscheiden sich in einigen Punkten die Notationen zwischen den Herstellern, doch in anderen sind sie relativ gleich.

Beispiel:

Canon EF 70-300mm 4.0-5.6 IS USM

EF Autofocus
70mm kleinste Brennweite
300mm größte Brennweite
4.0 größte Blende bei kleinster Brennweite
5.6 größte Blende bei größter Brennweite
IS Eingebauter Stabilisator (bei Sigma=OS; bei Tamron=VC)
USM Ultraschallmotor (schnell und leise)

 

An der Angabe eines „Brennweitenbereiches“ (hier: 70-300mm) erkennt man ein Zoomobjektiv.
Manchmal wird die kleinste Blende „weggelassen“. Leider verwendet jeder Hersteller für die Ausstattung des Objektivs eine andere Nomenklatur.

Sigma beispielsweise hängt gerne OS HSM an und meint damit, dass es einen Stabilistator und einen Ultraschallmotor hat. Bei Tamron nimmt der Namenswahnsinn dann groteske Züge an, wenn ein Objektiv dann

Tamron SP AF 17-50mm 2.8 XR Di II VC LD Asp IF

heißt, was bedeutet, wir haben es mit einem Objektiv mit Autofokus, jenem Brennweitenbereich, kleinster Blende 2,8, mit hochbrechenden Gläsern (XR), für digitale Kameras , in Version 2, mit eingebautem Stabilisator (VC), mit eingebautem Autofocus (Asp IF).

Zum Thema Millimeter, Brennweite und Zoomfaktor kommen wir später noch einmal bei Normalbrennweite und Cropfaktoren.

„Immerdrauf“ – das Alltagsobjektiv

Als „Immerdrauf“ bezeichnet der Fotograf jenes Objektiv, welches er quasi seltenst wechselt, bzw. immer dann nimmt, wenn er nicht seine ganze Fotoausrüstung mitschleppen soll. Für Anfägner ist dies meist ein Zoom mit kleinem Weitwinkelbereich am unteren Ende. Ein Beispiel ist das bei Canon EOS (450D, 500D) mitgelieferte Canon 18-55mm EF IS. Es ist am unteren Ende gut, in der Mitte schön scharf und
bietet quasi 3x-Zoom. Das reicht für alles. Für eine Billig-Scherbe ein phantastisches Objektiv und ideal für den Einstieg.