Print-Zombies und falsche Entscheidungen

plonkPrint ist tot, mit dem WWW verdient man kein Geld mehr, alles geht den Bach runter und immer mehr tote Fische schwimmen mit dem Strom. Oh, welch Überraschung! Oder?

 

Es gab mal eine Zeit, da informierte sich der Bürger mithilfe einer  Nachrichtensendung im schwarz/weiß-TV und zog seine Infos aus Texten auf sehr, sehr dünnem Papier. Das ging über Jahrzehnte mehr oder weniger gut, „schlau“ wurde der Bürger dadurch zwar nicht (um „Bücher“ kam und kommt man heute nicht herum), aber er bekam einen gewissen Korb an Wissen, der ihn halbwegs aktuell hielt und die Basis für nachhaltige und wenigstens grundlegend sinnvollen Entscheidungen schuf. Mit dem Siegeszug des Internets änderte sich alles, oder?

Mythos #1: WWW tötet Print
Die Druck- und Verkaufsauflagen sinken, sind teils sogar im Sturzflug, Publikationen verschwinden vom Kiosk, neue kommen erst gar nicht an selbigen, sondern nur als e-Paper, der Kiosk ist ein Kriegsschauplatz der Verlage – leider alles korrekt, da kann man nichts missdeuten. Wer die desaströsen Entwicklungen seiner Lieblingspublikation konkret sehen möchte, kann bei www.ivw.eu nachschauen und wenn man dort seine Publikation nicht findet, haben die Herausgeber des Printwerks bereits die Notbremse gezogen, um die realen Zahlen zu schützen und Anzeigenkunden (mehr oder weniger) erfolgreich weiterhin anlügen zu können.
Wie kommt es denn aber, dass die Kioske weiterhin Print-Regale haben? Dass v.a. die Bahnhofskioske ein gigantisches Portfolio an Publikationen haben? Dass es immer noch Print-Abos gibt und speziell in Radio und TV Printwerke so oft als Quellen genannt werden? Tja, Print ist eben nicht tot, der Markt ist einfach geschrumpft, hat aber nichts an seiner Relevanz verloren. Das ist kein deutsches Phänomen, das ist ein globales, eines, welches John Oliver wunderbar aufzeigt.
Ja, es ist ein Link zu Youtube… warum? Weil es komfortabel ist, aber hier könnten natürlich auch links zu Meedia, DWDL etc. pp. stehen, es nur _ein_ Beispiellink.

Mythos #2: Eine Publikation braucht keine Redakteure
Wenn Anzeigenkunden abspringen und die Auflage sinkt, ist es eine simple, alte Reflexreaktion der Unternehmen, an der Redaktion zu sparen, an der Produktausstattung (Papierquali, Umfang etc.), an der Druckauflage und an der Erscheinungsfrequenz. Das mag auf den ersten Blick nicht unlogisch sein, muss aber differenziert betrachtet werden. Nur einer der Einsparsektoren ist ein qualitativer, die anderen sind quantitative. Wenn ein Auto-Modell sich nicht mehr so gut verkauft, spart man an dann der Anzahl der Räder, der Airbags und Schrauben? Kann man machen, hat nur eben fatale Folgen. Man kann dünneres Blech verwenden, die Klimaanlage als optional gestalten, Nebelscheinwerfer weglassen und die Ledersitze ebenso, das sind Komfortapsekte, aber wer will denn ein Printwerk ohne Inhalt? Wenn man das will, kann sich online „informieren“ und dies sogar aktueller, schneller und auch noch zu 99,99% kostenlos… für just diese „Infos“ dann aber 3,99 € bezahlen? Nee, wenn man mit 20 Leuten zusammen in einem unklimatisierten Fahrzeug im Stau stehen will, nimmt man ein Busticket für 2 € und kauft sich nicht selbst einen ganzen Bus für 80.000 € ud läd Wildfremde ein.
Informationen waren noch nie kostenlos und warum sollten sie es gerade in der Informationsgesellschaft von heute sein? Der moderne Mensch mit all seinen Fähigkeiten und Erfahrungen wird mit Infos überflutet, v.a. von beliebigen Infos, die man erst einmal mühevoll rausfiltern muss. Ich spare mir an dieser Stelle das Plädoyer für die gentechnische Entwicklung eines Spam-Filters am Stammhirn,  komme aber nicht umhern, den „Gatekeeper“ ins Spiel zu bringen. Früher waren das mal die Chefredakteure, die Torwärter, die auch vor 50 Jahren schon Info-Mist von Info-Perlen trennten und den Mist vom Papier und Druckerschwärze fernhielten. Man musste sich damals sehr gut überlegen, was man publiziert, heute ist das anders und im Printbereich leider auch. Ja, Blödsinn gab es schon immer zu lesen, keine Frage, der ist menschlich, das wird sich auch nie ändern, aber es gab nicht denselben Mist in dieser Fülle wie heute. Die Chefredakteure sind heute mehr Produktmanager als Gatekeeper, ein Agenda-Setting (die bewusste Auswahl von Themen im großen Raume des öffentlichen Diskurses) gibt es nicht mehr, es wird einfach gedruckt, was da ist und wofür die Anzeigenkunden bezahlen. Und so wie die Internet-Browser immer häufiger mit Adblock benutzt werden, so macht es auch die Print-Klientel, wobei es hier noch einfacher ist, denn man muss nichts installieren, sondern spart sich einfach den Blick gen Zeitungsregal. Dasi st nämlich eine Eigenschaft des Menschen, die von Verlegern gern unterschätzt wird: Der Mensch an sich ist zwar blöd, aber wenn ihn etwas stört, nutzt er seine Möglichkeiten, der Störung zu entgehen oder sie zu beheben. Und wenn der Mensch feststellt, dass die „Informationen“, die ein Redakteur vermittelt, genau den Infos von Herstellern, Interessenverbänden, Politikern etc. entsprechen, dann lässt er beim nächsten Mal das periodisch rscheinende Printwerk im Regal liegen. Die Verkaufsauflage sinkt, die Anzeigenkunden werden nervös, springen ab und die Reflexreaktion der Verleger wiederholt sich.

Mythos #3: Infos gibt es kostenlos
Wie eben schon erwähnt, gibt es Infos eben nicht kostenlos. Es ist immer ein Zeit- und Technologieaufwand notwendig. Früher waren es Infos über die Position des angreifendes Heeres (man brauchte einen Scout), der adretten Jungfrau im Turm (man musste die Zofe bestechen), der Weidestelle des köstlichen Rotwilds (eine Keule als Provision für den Finder), der Steuerpolitik des Königs (Kammerdiener in der Schänke mit Bier abfüllen) oder der Antwort auf die Frage, wann die Lieferung des neuen Waschmaschinenmodells erfolgt (eine Kaufzusage gen Fachhändler war sehr hilfreich) usw. usf. und heute ist es nicht anders. Natürlich ist man im WWW schnell unterwegs, aber da die Welt sich im Spätkapitalismus bewegt und jeder irgendwie Geld braucht, ist das Aufwand-Nutzen-Verhältnis ein omnipräsentes. Wenn ich nicht „davon leben muss“, kann ich bei Amazon einen Screenshot der Geschwindigkeit eines USB-Sticks in die Rezension packen oder auch sagen, dass das Waschprogramm „Öko“ eben keine 60°C liefert, und wenn ich als Rezipient damit zufrieden bin, ist auch alles OK, aber wer Geld ausgibt möchte auch was dafür haben und je mehr er ausgibt, desto teurer wird. Das frische Brötchen beim echten Bäcker (gibt’s ja kaum noch) kostet eben nicht nur 10 Cent wie das aus der Tiefkühltruhe im Supermarkt und genau so verhält es sich bei Waschmaschine, Blu-ray-Player, Auto und eben auch Printwerk. Informationen liegen nicht einfach so rum, sie müssen erarbeitet werden, natürlich mit unterschiedlichem Aufwand, aber der auf ich-bin-einzigartig-gepolte Mensch, der Schnäppchenjäger oder der gerade einmal den Mindestlohn erhaltende Arbeiter muss sich eben auch Gedanken machen, wofür er sein Geld ausgibt. Er kauft sich einen billigen Wasserkocher aufgrund einer Amazon-Rezesion und kann happy sein, er kann sich aber auch ärgern, dass er für nur 5 Euro mehr einen nicht tropfenden Wasserkocher hätte kaufen können, der auch noch schneller kocht und weniger Energie verbraucht – Entscheidungen sind nicht immer richtig, man sollte aber Fehler nicht zweimal begehen. Da der globale Markt aber unter Druck ist, der Verteilungskampf an Intensität gewinnt, sinken auch die Informationskosten… und die Infos bleiben dank WWW auch laaaange erhalten. Ein Auslaufmodell gibt’s günstiger als das neue Modell, also kauft man sich das Gerät aus 2013… Wasser kocht es genau so gut, das Rad kann nicht neu erfunden werden und es gibt eine Sache, die man teilen kann, ohne hierbei etwas abgeben zu müssen: Wissen.
Die Welt entwickelt sich aber weiter, neue Phänomene tauchen auf, es gibt Fehltentwicklungen und natürlich menschlische Fehler, und all dies muss bearbeitet und aufgearbeitet werden… von Redakteuren und Grafikern, von IT-Abteilungen und letztlich natürlich auch Verkäufern, welche die Infos in den Info-Markt gewinnbringend einbringen müssen. Tja, und das kostet Geld (und Zeit, aber Zeit ist ja Geld) und daran sparen die Verlage dann wieder, was eben auch bedeutet, dass sie weniger Infos hervorbringen und der Info-Suchende sich abwendet.

Es ist kein Finanz-Thema, es ist ein kein Workflow-Problem, es ist kein medien-politisches oder oder sozial-ökonomsches Phänomen, es ist ein allumfassendes. So wie ein Hersteller bzgl. der Leistungsfähigkeit eines Produktes lügt, so machen sich Verleger mitschuldig am Lügen, ebenso Redaktionen und Verkäufer, und das ist ein Boomerang, denn mag der Mensch auch noch so blöd sein, er merkt sich sehr gut, wer ihn betrügt. Politiker waren schon immer unglaubwürdig, Journalisten holen aber auf… und Ärzte (der verlängerte Arm der Pharma-Industrie) ebenso… und die FIFA… die Liste ist wohl leider so unendlich wie das Universum.

Mythos #4: Da kann man nix machen
Öhm, doch doch! Schön an Pluralisierung und Fortschritt ist nämlich, dass die Anzahl der Möglichkeiten zunimmt, es somit immer Alternativen gibt… und unterschiedliche Märkte. Das müssen Verleger und Co. aber endlich mal kappieren, sonst pumpen sie die leere Info-Blase nur noch weiter auf und nutzen existente Potenziale nicht aus, schauen der Blase dann nicht aus der Entfernung zu, sondern platzen mit ihr.

JS für Orthy.de, C2016

Veröffentlicht von

Marauder

Seit ich geboren wurden, lebe ich. Das kann sich aber ändern, ich bin gespannt, wann ich den Spaghetti-Gott kennenlerne.