Nächstes Jahr kaufe ich mir eine Pistole
Wenn Sie nicht genug davon besitzen, haben Sie ein Problem. Wenn Sie über viel davon verfügen, haben Sie auch ein Problem. Wenn Sie sagen, Sie hätten genügend davon, lügen Sie sich selbst an. Wenn Sie glauben, es gäbe genug davon auf der Welt, liegen Sie falsch. Wenn Sie denken, die Welt würde ohne nicht funktionieren, haben Sie auf eine äußerst perverse Art und Weise recht.
Es ist eine dieser Legenden, die auf den ersten Blick durchaus richtig erscheinen mag, doch die Phönizier haben das Geld nicht erfunden, sie haben es lediglich massenhaft materialisiert und standardisiert, das Phänomen Geld aber gab es schon vorher. Es gibt hierüber natürlich keine Schriftstücke hierüber, keine Belege über Wechselkurse oder Überfälle, weil in der Zeit vor den Phöniziern (also noch vor 1000 v. Chr.) die Menschheit in Sachen Datenaufzeichnung noch an den Kinderschuhen bastelte, sie aber eben noch nicht trug. Schon bei noch älteren Kulturen wurden die Vorläufer von Pfennig und Quarter, Goldstück und Geldschein gefunden, es waren Edelsteine und geschnitzte Schmuckstücke, doch selbst diese waren nicht der Anfang, sondern schon die 2. Ausbaustufe. Lang vorher galt das gesprochene Wort, bei den Nomaden schon, es kamen Verträge zustande, es wurde Tauschhandel betrieben, in jedem Kindergarten kann man dies heute noch betrachten. Das Problem bei einem Versprechen ist natürlich der verlockend einfach Bruch des Versprechens, weshalb Sicherheiten schnell in Mode kamen. “Solange Du mir nicht ein schönes Bärenfell gebracht hast, gebe ich Dir keinen neuen Feuerstein! Weil Du mich schon mal angelogen hast, musst Du mir außerdem für eine gewisse Zeit Deinen Sohn als Haushaltshöhlenhelfer überlassen.” Die Diskussion über die Dauer der Leihgabe, die Qualität des Bärensfells und der Feuersteine usw. usf. sparen wir uns mal, die Kommunikation vor 10.000 oder 20.000 Jahren lässt sich sowieso nicht belegen.
In einer wenig ausdifferenzierten Welt wie damals, als der Handel noch direkt und simple gestaltet war, bestand keine Notwendigkeit für geprägtes Geld, also für ein materielles Wertäquivalent, denn eine Abmachung, ein mündlicher Vertrag war funktionsgleich. Aber eben auch diffus und damit wenig passend für die Entwicklung der Menschheit, denn die war und ist von einem Phänomen geprägt, was wohl erst auf den zweiten Blick für einen Aha-Effekt sorgt: die Präzision. Es ist ungleich leichter ein normiertes Stück Gold als Zahlmittel zu verwenden als ein Wort, eine Zusage, eine Abmachung, auch weil das Stück Gold (oder Silber etc.) etwas Materielles ist und somit, das sollte nicht vergessen werden, auch ein praktisches Gegenstück zur spirituellen Welt, die sich ja spätestens bei den alten Ägyptern als ein omnipräsentes Denk- und Handlungsparadigma durchsetzte. Es ist dabei nicht verwunderlich, dass gerade in diesem Bereich, man denke nur an die Pharonengräber, das Materielle und das Spirituelle ein Bündnis eingingen, denn Mensch kann zwar viel glauben, d.h. wünschen und hoffen, doch davon kann er nicht leben. Er braucht etwas Reales, und nicht erst seit der Bibel (Kain gegen Abel, Adam und Eva gegen Gott) ist bekannt weiß er Mensch, dass er lügen und belogen werden kann, gerade dieses Phänomen sorgte dafür, dass eine Absicherung notwendig wurde, also das Geld. Spätestens an diesem Punkt stellt man dann auch fest, dass ein jedes System, welches komplet auf Geld verzichtet, gnadenlos scheitern würde. Es ist also nicht das Geld an sich, was für Probleme sorgt, sondern der Umgang der Menschen miteinander. Der Trugschluss, dem der allergrößte Teil der Menschheit unterliegt, besteht aber darin, dass das Geld für Sicherheit sorgt, denn der Mensch in seiner unglaublichen Kreativität kann im Gelde auch ein neues Ziel des Betruges sehen – und tut dies auch. Der Mensch glaubt ans Geld und in diesem festen Glauben manifestert sich die gelogene Wahrheit, es ist kein Regelsystem, sondern das perfekte Beispiel für die Korrenpondenz- bzw. Adäquationstherie der Wahrheit, nach welcher man sich auf eine Warheit einigt und danach lebt. Über Jahrtausende, von Aristoteles an, wurde die Wahrheit des Geldes gelehrt und gelernt, gar nicht wirklich aktiv, sondern subversiv, ganz alltäglich, es wurde verfeinert von den Neuthomisten bis hin zu Karl Marx. Da in den gleichen Zeiträumen immer neues Geld erschaffen wurde, neue Währungen und Ausprägungen technischer Art, das naive Menschenkind vor allem in den “zivilisierten” Teilen der Welt früh lernte, was Geld alles kann, wurde das Fundament für die heutige Welt gelegt.
Wie umfassend die Wirkung ist, Geld als etwas Wertvolles zu betrachten, sieht man an allen und Religionen und modernen Kulturen dieser Welt. Die alten Germanen legen wertvolle Beigaben in die Gräber ihrer Clan-Chefs, die Kirchen der Welt sind prunkvolle Paläste, der Gläubige spendet (“opfert”) seinen Göttern wertvolle Stücke oder wirft Geldstücke in Wunschbrunnen und der Papst trägt Gewänder, deren Herstellungskosten so hoch liegen, dass 1000 Katholiken in Afrika davon ein Jahr gut leben könnten. Als ob dies nicht schon genug wäre, kann man sich mit Geld freikaufen, man erinnere sich an den Ablasshandel der katholischen Kirche im Mittelalter, also sein Gewissen erleichtern. Ist man in der Not, kauft man sich die Lösung, egal ob einen Strauß Blumen, eine Scheinabsolution, Wählerstimmen, einen Richter, einen Politiker oder einen Konkurrenten. Dass dies aber nicht stets funktioniert, merkte man wohl spätestens bei der französischen Revolution, bei welcher die Geldbesitzer geköpft wurden, oder bei der Oktoberrevolution, bei der die Geldbesitzer erschossen wurden, oder in der Wirtschaftskrise nebst Hyperinflation am Ende der Goldenen Zwanziger oder heute, wo es auf einen Schlag hunderttausende an Obdachlosen mehr gibt in den USA, oder nicht? Hat die Menschheit dazugelernt? Hat sie verstanden, dass das Geld nur sicher ist, wenn hinter dem Geld Sicherheiten stehen? Dass das Geld an sich nur ein Werkzeug ist, dessen Verführungsraft und Problempotential aber enorm ist? Dass Geld nur funktionert, wenn alle daran glauben? Ich lasse diese Frage unbeantwortet, weise stattdessen auf die hartumkämpfte ALG2-Erhöhung um 5 € hin, auf den Bildungspaketzuschlag für Kinder in Höhe von 10 €, auf die Leiharbeiterlöhne von 7 € pro Stunde und den Jahreslohn des Vorstandschefs Georg Funke im Pleitejahr der HypoRealEstate von knapp 1,9 Millionen Euro.
JS für Orthy.de, C2011
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